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Sonntag, 16. Februar 2025

Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 3: Glück im Unglück

 Die Zauberin 

Das Glückskind; Gentilis 

 

Kapitel 3: Glück im Unglück 

 

Eola schlief kaum, ihr war kalt und es gab nur feuchtes Stroh, nicht einmal eine vernünftige Pritsche. Sie verfluchte sich, hätte sich nie hinreißen lassen dürfen zu Spielen und begann irgendwann unruhig in der kleinen Zelle umherzulaufen. Soweit es die schweren Ketten zuließen. Schließlich fiel sie an die Wand gelehnt, in einen leichten Schlaf voller Schatten. Doch die Bilder verschwammen sofort, als sie wieder erwachte. Das Letzte, das ihr noch im Gedächtnis blieb, war der krumme Schatten, der sie verfolgt hatte, auf einen knorrigen Stab gestützt. Als wäre er direkt aus ihrem Traum gestiegen, trat er ins Licht der einsamen Fackel, die schräg gegenüber ihrer Zellentür in einer eisernen Verankerung brannte.

Das faltige Gesicht wirkte im Schatten noch älter und sein Stock pochte sachte auf den Boden, als er sich dem Gitter näherte, hallte in tausend kleinen Echos durch die leeren Gänge unter der Burg. Langsam rappelte sich Eola auf und trat argwöhnisch ans Gitter.

“Ihr! Was wollt ihr? Euch an meinem Unglück laben?”

Auf den Zügen des Kaisers zeigte sich ein trauriges Lächeln.

“Mitnichten Kind. Ich will euch helfen.”

Eola schnaubte.

“Warum solltet ihr das tun? Und warum sollte ich euch vertrauen?”

Der Kaiser rümpfte die knochige Nase und rieb sich das Knie.

“Mein Körper versagt, ich hatte vergessen, wie das ist, den Einflüssen der Zeit ausgesetzt zu sein, schrecklich.”

Eola lachte trocken auf.

“Eure Zeit ist abgelaufen, euer Reich zerfällt und ihr werdet sterben, einsam und verbittert. Ich habe euch nichts zu sagen Greis.”

Er nickte bloß, doch seine blauen Augen musterten sie nachdenklich.

“Mein Körper mag versagen, aber mein Verstand ist noch allzu scharf. Ich weiß warum du hier bist, Glückskind. Ich will euch warnen. Bajka ist nicht die, für die ihr sie haltet. Sie wird euch nicht ausbilden. Denn Bajka tut nichts, das ihr selbst keinen Nutzen bringt.”

Eola schwieg und wandte den Blick ab, sie durfte ihm nicht zuhören. Er wollte sie nur verunsichern.

“Warum seid ihr wirklich hier? Auf Ärenfels? Wollt ihr den Feind ausspionieren?”

Der Kaiser zuckte mit den Schultern.

“Der junge König mag gerne versuchen, mein Reich zu stürzen, er wird versagen, wie so viele vor ihm.”

“Euer Reich zerfällt, euer Nebel schwindet.”

“Das mag stimmen, aber die Macht meiner Oligarchen bleibt ungebrochen, sie werden nicht zulassen, dass ihr Reich einfach so von einem König aus dem Süden überrannt wird. 

Mein Rat, Mädchen: Flieht von hier, so lange ihr noch könnt.”

Sie warf entnervt die Arme hoch.

“Nun selbst, wenn ich wollte. Ich sitze hier fest.”

Der Kaiser lächelte und lehnte sich auf seinem Stock leicht vor.

“Ihr seid so frei wie eure Vorstellung reicht Eola. Niemand kann sich euch in den Weg stellen. Ihr verfügt über die Macht eines Drachen. Die einzige Gefahr für mein Reich seid ihr, Glückskind, deshalb folge ich euch. Früher oder später müsst ihr euch dem Schicksaal stellen, dass der rote Riese euch auferlegt hat.”

“Mein Schicksaal ist ganz allein mein eigenes", schnaubte sie. Das unergründliche Lächeln des verschrumpelten Kaisers ging ihr allmählich gehörig auf die Nerven.

“Ihr macht mir keine Angst. Ich werde Bajka’s Schülerin und dann zur mächtigsten Zauberin die der Kontinent je gesehen hat.”

Das Lächeln des Kaisers wurde noch etwas breiter.

“Ich zähle darauf, Kind des Kanaahn.”

Damit wandte er sich zum Gehen und Eola ballte die Fäuste.

“Hey!”, rief sie ihm nach. “Wolltet ihr mir nicht helfen?”

Er drehte sich noch einmal um und legte leicht den Kopf schief.

“Das habe ich doch bereits. Wenn ich euch noch einen Rat geben soll: Traut der Zauberin nicht, sie ist eine finstere Legende, eine Geschichte ohne Trost oder ein glückliches Ende.

Merkt euch meine Worte, Glückskind. Denn Geschichten verschlingen Helden … Immer.”

Dann hatten die Schatten im Gang ihn verschluckt.

 

…

 

Sie ließen sich verdammt viel Zeit bis sie Eola holten. Mit den wenigen Sonnenstrahlen, die sie hier unten erreichten, erwachten in den Zellen links und rechts von ihr die Gefangenen.

Eola hielt sich vom Gitter fern, sie hatte keine große Lust, sich mit den schreienden und jammernden Gestalten, die mit ihr im Kerker saßen, auseinanderzusetzen.

Schließlich erfüllten Schritte den Gang und jetzt trat sie doch vor ans Gitter und versuchte zu erkennen, wer kam. Die anderen Gefangenen hatten scheinbar dieselbe Idee, denn ein dreckiges Gesicht mit Narben und verfilzten Haaren blickte ihr von rechts entgegen und grinste als es sie sah.

“Uuhui, Frischfleisch.”

Sein Grinsen wurde noch breiter und Eola funkelte ihn an.

Dann hatten die Soldaten ihre Zelle erreicht und der Wachmann schloss ihre Zellentür auf.

“Zurück an die Wand!”, befahl er und Eola folgte seinem Befehl.

Hinter ihm stand, begleitet von zwei Wachen, Lord Kamm und nickte ihr kurz zu.

“Der Lord hat sich für euch verbürgt. Ihr dürft die Burg jedoch nicht verlassen, bis der König Zeit hat, sich mit euch zu befassen.”

Eola nickte und warf dem Lord einen dankbaren Blick zu.

Die Wachen begleiteten sie aus der Zelle und Eola rieb sich die zerschundenen Handgelenke, als die schweren Ketten davon abfielen. Der Gefangene in ihrer Nachbarzelle, machte ein langes Gesicht und im Vorbeigehen streckte sie ihm unauffällig die Zunge raus.

Zurück im Burghof, beobachtete sie das rege Treiben. Man hatte einige der Karren in den Hof gezogen und Männer in Rüstungen beluden sie mit Waffen und Proviant. Scheinbar machte man sich daran, die Burg zu verlassen.

“Ihr werdet beim Verladen helfen. Lord Kamm, ihr seid für den Gefangenen verantwortlich."

Der Lord nickte, dann wechselten einige Münzen den Besitzer.

“Ich werde dafür aufkommen”, erbot sich Eola, als die Wachen sich entfernt hatten, doch Kamm warf ihr einen bösen Blick zu.

“Euer Gold wurde konfisziert, genau wie eure restliche Habe.”

Eola knirschte mit den Zähnen, nickte jedoch.

“Ihr brecht bald auf?”, fragte sie dann und Lord Kamm nickte.

“Ende der Woche wird eine Vorhut nach Riedhalm aufbrechen.”

Eola nickte. Kamm sich zu ihr um und jetzt erkannt sie die unterdrückte Wut die ihm ins Gesicht geschrieben stand.

“Wisst ihr was ihr angerichtet habt Kind?”

Sie schluckte.

“Ich habe doch gar nichts getan. Der hohe Lord war betrunken und ist in sein eigenes Messer gefallen. Es war ein Unfall”, verteidigte sie sich.

“Ein Unfall sagt ihr also? Das sind die Männer des Lord Geiz aber andere Meinung.

Man beschuldigt euch der Hexerei.”

Eola schnaubte.

“Weil sie keine Ahnung haben.”

“Wovon?”, fragte Kamm und zog eine Augenbraue hinauf. “Ich habe euch spielen sehen.”

Eola gefiel es gar nicht, wie er das sagte. In seiner Stimme schwang ein gefährlicher Unterton mit. Dann seufzte er und rieb sich das Nasenbein.

“Wie auch immer. Das Problem ist größer als ihr. Lord Geiz hatte dem König Männer versprochen. Krieger, die mehr über das Kaiserreich und ihre Schwachpunkte wissen, als sonst eine Einheit. Sie sind tief ins Kaiserreich vorgestoßen. Der König erwartet ihre Rückkehr, aber ohne ihren Lord ist es fraglich, ob sie uns noch helfen werden.”

“Oh.”

“Ich fürchte, ich kann nicht viel für euch tun, falls der König entscheiden sollte, euch an die Männer des Lord Geiz auszuliefern und ihrem gerechten Zorn.”

Eola biss die Zähne aufeinander, sagte jedoch nichts mehr. Was war nur mit ihrem Glück los, es hatte sie doch nicht tatsächlich verlassen?

“Ein Gutes hat das Ganze allerdings.”

Kailan hatte sich von hinten genähert, ohne dass Eola es bemerkt hatte.

“Wäre euer Fall nicht so brisant, hätte der König euch vermutlich einfach hängen lassen.

Und was ist daran gut?”, wollte Eola wissen.

“Ihr habt die Chance, euch zu verteidigen, euren Fall zu erklären. Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich einfach zugeben, dass ich Magie gewirkt habe. Damit fallt ihr unter die Gerichtsbarkeit des Königs und er kann euch nicht mehr an Geiz Männer ausliefern.”

“Er ist der König, er kann tun und lassen was er will”, brummte Kamm.

“Habt ihr denn Magie gewirkt?”, fragte Kailan und musterte sie neugierig.

“Ich habe ihn nicht getötet, falls ihr das andeuten wollt.”

Kailan hob abwehrend die Hände.

“Ich meinte beim Spiel. Ihr seid keine Mörderin Eola, da bin ich mir sicher.”

“Ich danke für euer Vertrauen Kailan.”

Es war nur ein bisschen sarkastisch, wie sie das sagte, doch Kailan lächelte.

“Genug von all dem. Macht euch an die Arbeit ihr beiden!”, wies Lord Kamm sie nun streng zurecht und entfernte sich bereits bevor Eola oder Kailan noch etwas erwidern konnten.

Den Rest des Tages verbracht sie damit Kailan beim Beladen der Wägen zu helfen und jeder ihrer Muskeln schmerzte als es endlich zu dämmern begann. Die Männer des Lord Geiz, die am Abend des Unglücks dabei gewesen waren, warfen ihr zwar ständig finstere Blicke zu, aber sie versuchte sie soweit es ging zu ignorieren.

Dann, als sie schon meinte der König habe sie vergessen, betrat Lord Fremm den Burghof und sah sich um. Als er sie entdeckte, kam er, gefolgt von einer Gruppe Gardisten in ihre Richtung. Kailan gesellte sich zu ihr und legte Eola eine Hand auf die Schulter.

“Du schaffst das schon. Erzähl ihnen einfach, was passiert ist. Der König ist ein gerechter Mann.”

“Zu eurer Frage. Ich bin keine Magierin, aber mein Glück könnte man wohl als magisch bezeichnen.”

Er runzelte die Stirn.

“Es hat etwas mit meiner Geburt zu tun. Habt ihr schon einmal von Glückskindern gehört?”

Er wollte noch etwas sagen, doch da hatten die Männer des Königs sie erreicht und Kailan verstärkte nur noch einmal sanft den Griff um ihre Schulter.

“Eolan?”, fragte Lord Fremm und Eola nickte. Es war der Name, den sie benutzte, seit sie in das Lager von Lord Kamm eingezogen war.

“Der König wird sich jetzt mit euch befassen.”

Damit drehte er sich um und die Soldaten nahmen sie in ihre Mitte. Kailan schenkte ihr noch einmal ein aufmunterndes Lächeln, dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Eola kaute nervös auf ihrer Unterlippe, während man sie in die Burg führte, dieselben Gänge hinab, die sie auch mit Lord Kamm und seinen Gardisten gekommen war, als sie das erste Mal zum Treffen im Thronsaal gewesen waren. Dann bogen sie jedoch in Richtung einer Treppe ab, die nach oben führte, und Fremm gab den Gardisten ein Zeichen. Zwei davon positionierten sich am Treppenaufgang und nur einer von ihnen folgte nach oben. Sie starrte auf Lord Fremm’s Rücken, während sie ihm die Treppe hinauf folgte.

Sie bogen erneut ab, dann kamen sie vor einer schweren Eichentür zum Stehen. Irritiert runzelte sie die Stirn, als weder Fremm noch der Gardist Anstalten machte, sie zu öffnen. Es schien beinahe, als hätten sie Angst und nach einiger Zeit des stillen Wartens erklang von der anderen Seite der Tür eine Stimme. Eola stutzte, dann musste sie lächeln.

“Herrein”, erklang die melodische Stimme der Zauberin von der anderen Seite der Tür.

 


Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 2

 Die Zauberin

Das Glückskind: Gentilis


Kapitel 2: Unglück im Glück.


Eola machte einen Ausfallschritt, wollte angreifen, sah die Finte zu spät und rannte in Kailans Übungsschwert.

Sie fluchte und rieb sich den schmerzenden Ellenbogen.

“Du bist nicht bei der Sache”, ermahnte der Gardist sie und er hatte Recht.

In Gedanken war sie wieder bei Bajka, die sie seit einer Woche nur aus der Entfernung sah. Ihr Glück ließ sich verdammt viel Zeit sich etwas einfallen zu lassen und es zehrte an ihren Nerven. Statt mit blöden Holzstöcken gegen Gardisten zu kämpfen, hätte sie viel lieber etwas über Magie gelernt. Aber so war das nun einmal. Ihr Glück vermochte nicht das Unmögliche und Bajka war so beschäftigt, dass es schon an ein Wunder grenzen musste, wenn sie denn jemals auf Eola aufmerksam wurde.

“Wieder auf Anfang”, wies Kailan sie an und sie ging in den Stand, den er ihr beigebracht hatte. Wenn sie schon wartete, dann wollte sie ihre Zeit wenigstens mit etwas Sinnvollem verbringen. Lord Kamms Männer hatten sie aufgenommen, nachdem sie offenbart hatten, dass sie zu gar keinem der Lager gehörte die sich in und um der Stadt angesiedelt hatten. Lord Eolin zog immer seine Truppen zusammen und der Frühling war bereits einem warmen Vorsommer gewichen.

“Also Eola? Ist euer Vater einer der Lords oder nur ein Soldat im Gefolge des Königs?”, hatte Lord Kamm sie gefragt, als er sie nach der Versammlung im Thronsaal in sein Zelt gerufen hatte.

“Keins von beidem. Ich bin alleine unterwegs.”

Lord Kamm hatte kurz gebraucht, das zu verdauen. Dann hätte er gefragt:

“Ganz alleine? Wo sind denn deine Eltern?”

Eola hatte mit den Schulter gezuckt und geantwortet:

“Meine Mutter ist tot und mein Vater wollte bald wieder da sein. Das war vor sieben Jahren.”

Lord Kamm hatte genickt und sie dann eingeladen, bei ihnen im Lager zu bleiben. Er hatte sie ermahnt, nicht zu erwähnen, dass sie ein Mädchen war und dann Kailan angewiesen ein Auge auf sie zu halten.

Seitdem trainierte sie tagsüber mit dem Gardisten oder einem der anderen Männer von Lord Kamm und trieb sich Abends in den Wirtshäusern der Stadt herum. Doch bald schon sprach sich herum, dass sie unverschämtes Glück hatte und niemand mehr wollte sich im Glücksspiel gegen sie versuchen. So war es immer, deshalb hielt sie es nie lange an einem Ort aus. Die Leute redeten und irgendwann ging ihnen auf, das etwas mit ihr nicht stimmen konnte. Niemand hatte so viel Glück und sie hatten ja Recht. Es war nicht sonderlich fair sie auszunehmen, erst Recht, da ihr Geld an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Nur Sellen spielte noch mit ihr. Sie hatte irgendwann auf einen Einsatz verzichtet, und so wie er sie ansah, hielt sie es nie lange mit ihm aus.

Und so hatte sie angefangen, immer mehr Teile der Stadt zu erkunden und sich sogar bis in die tieferen Hügel jenseits des Ärenfels gewagt.

Im Übungskampf mit Kailan hatte sie zudem etwas interessantes festgestellt. Ihr Glück bewahrte sie nicht davor von ihm getroffen zu werden. Vielleicht lag es daran, dass er sie nicht ernsthaft verletzen wollte, oder weil ihr Glück es für sinnvoll erachtet das sie tatsächlich etwas lernte und Kailan pflegte stets zu sagen: Nur aus Fehlern lernst du Kleine. Und er behielt Recht. Sie lernte zwar nicht schnell und der Schwertkampf machte ihr immer noch nicht sonderlich Spaß. Aber immerhin blieb sie fit und hatte einen Vorwand, sich in der Nähe der Burg aufzuhalten, wo die Soldaten des Königs trainierten. Auch Bauern und Knechte wurden ausgebildet. Das Heer des Kaisers war immer noch um beinahe siebzehntausend Mann stärker als das von König Eolin. Auch wenn man damit rechnen konnte, das sich bis zur Hauptstadt noch knapp fünftausend Männer anschlossen, würde es nicht ausreichen. Erst Recht wenn man von einer längeren Belagerung ausging. Die Hauptstadt war uneinnehmbar, so hieß es und so wie Eola es verstanden hatte setzte der Lord von Ärenfels alles auf die Magier der Akademie und seine eigenen Zauberin, die Lady von Veysgrad. Doch Eola konnte sich kaum vorstellen, dass ihre Zauberkraft ausreichte, um eine ganze Festung einzunehmen. Oine hatte sich zwar gegen ein gutes Dutzend Soldaten des Kaisers behaupten können, aber er war auch der legendäre Gesandte. 

“Die Soldaten des Kaisers tragen Gaßperlit, es schützt sie gegen Zauberei”, hatte sie eines Abends Lord Kamm mitgeteilt und er hatte bloß genickt.

“Davon habe ich gehört. Es ist jedoch sehr wertvoll und schwer zu verarbeiten. Soweit ich weiß ist es lediglich seine persönliche Garde, die über solche Rüstungen verfügt.”

Trotzdem bestand diese aus beinah hundert Mann und laut Kamm gab es noch mehr Gaßperlit, das mit Sicherheit gerade zu Rüstungen verarbeitet wurde.

Auch ohne den Kaiser würden seine Oligarchen eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen. Sie würden nicht zulassen das ein König aus dem Süden sie einfach überrannte. Kamm hatte Recht, als er behauptet hatte, wenn sie die Magier der Akademie nicht auf ihre Seite zögen, wären sie alle dem Untergang geweiht.

Eola konnte nur hoffen, dass die Zauberin ihr bis dahin genug beigebracht hatte, dass sie sich aus dem Staub machen konnte, bevor die Kämpfe begannen. Bis zur Hauptstadt war es ein Marsch von knapp drei Monaten.

Kailan setzte zum Angriff an und wieder parierte sie zu spät. Sie ließ den Stecken fallen und jaulte auf.

“Verflucht. Du bist einfach zu schnell.”

Kailan lächelte und trat einen Schritt zurück.

“Oder du bist zu langsam Kleine. Dein Glück hilft dir im Kampf nicht weiter. Du solltest auch ohne mich weiter üben. Was ist mit der Schrittfolge? Zeig sie mir.”

Eola schüttelt den Kopf.

“Ich hab genug für heute. Lass uns morgen weitermachen."

Kailan schnellte nach vorne und der Stecken traf sie auf die Stirn. Es war kein starker Schlag gewesen, trotzdem würde es einen Beule geben.

“Aua! Was zum…”

“Denkst du vielleicht, dein Gegner wird darauf Rücksicht nehmen, ob du Lust hast zu kämpfen?"

Eola verzog wütend die Stirn.

“Ich habe nicht vor, mit euch in diesen verdammten Krieg zu ziehen.”

Kailan rammte den Stecken vor sich in die weiche Erde und verschränkte die Arme.

“Und warum bist du dann hier Eola? Du hast es uns noch immer nicht verraten, obwohl Lord Kamm dich aufgenommen hat, ohne zu Fragen zu stellen. Du schläfst in unserem Lager, isst unsere Vorräte und ich vergeude meine Zeit sogar damit dich zu trainieren, obwohl du nicht kämpfen willst.”

“Soll ich euch bezahlen?”, warf ihm Eola entgegen und ballte die Fäuste.

“Du sollst dein Training verdammt noch Mal ernst nehmen, mehr verlangen ich doch gar nicht. Meinst du, du bekommst das hin?”

Eola seufzte, riss sich dann jedoch zusammen und nickte. 

“Nagut. Aber nur weil du mich so lieb darum bittest.”

Kailan schenkte ihr ein kurzes Lächeln, dann zog er seinen Stecken aus der Erde und deutete auf den von Eola, der immer noch am Boden lag.

“Die Schrittfolge!”


Als sie den Übungsplatz verließ, wurde es bereits dunkel und sie hatte überall blaue Flecke. Sie wollte sich nur noch betrinken und dann ins Bett fallen. Die ersten Feuer wurden entzündet, als sie den weitläufigen Burghof durchquerten, um sich in Richtung der Stadt aufzumachen. Männer lachten und tranken und an einem niedrigen Tisch rollten ein paar Würfel über das Brett. Kurz blieb sie stehen, entschied sich dann jedoch dagegen und wollte weitergehen. Doch eine Stimme hielt sie zurück.

“Hey Junge, seid ihr nicht dieser Glückspilz, von dem alle reden?”

Der Mann war eindeutig betrunken und seufzend wandte sich Eola zu ihm um.

“Ich bin nicht in Stimmung.”

“Komm schon? Oder glaubst du, du wärst zu fein für den hohen Lord.”

Es klang zu spöttisch wie er das sagte und in Eola breitete sich etwas aus, dass sie lange nicht gespürt hatte. Ein Kribbeln, das sie stets durchströmte, wenn ihr Glück ihr einen Wink geben wollte. Außerdem packte sie der Stolz.

“Ach ja? Der hohe Lord fordert mich also zum Spiel?”, fragte sie ebenso spöttisch und das Grinsen des Mannes gab ihr den Rest.

Er trug wie Hessen das Grün der Graßlandlords, schien jedoch etwas jünger als der Vasall dem Bajka zurechtgewiesen hatte. Seine Wangen glühten vor Alkohol und Eola war sich sicher, dass er ein leichtes Ziel war.

Also ging sie zu ihnen hinüber und setzte sich.

“Was wird gespielt?”

“Drei hoch zwei Tief”, gab einer der Männer wieder.

Eola nickte, sie kannte das Spiel. Dabei wurde geblufft. Man gab an, wie viele Würfelzahlen lagen und was sie zeigten und hob den Becher erst, wenn alle eine Schätzung abgegeben hatte. Der, der am nächsten lag, gewann. Es war kein reines Glücksspiel, aber Eola hatte es genauso selten verloren wie jedes andere Würfelspiel.

Sie begannen zu spielen und bald schon war der hohe Lord um zehn Silber ärmer. Bald waren seine Männer arm und nur noch Eola und der Lord warfen. Bald schon stellt sich Eolas Glück allerdings als zu viel für den hohen Lord heraus, denn er wurde immer ungehaltener, setzte immer mehr Gold und war bald bei seinem letzten Ersparten, zumindest beurteilte Eola die skeptischen Blicke seiner Männer so.

Das Fass Ale ging zur Neige und ihr Gegenüber hatte bereits so viel davon intus, dass er sich zu einem besonders riskanten Spielzug hinreißen ließ.

“Wartet nur ab Bursche. Euer Glück muss auch mal enden.”

Eola schüttelt bloß traurig lächelnd den Kopf.

“So funktioniert das nicht. Bei jemand anderem vielleicht…”

“Ha!”, rief er und sagte drei Zahlen an, die viel zu hoch waren, um zu stimmen.

“Fünf Einsen”, sagte sie und war sich sicher, dass sie damit falsch lag, fünf Einsen wären ein Wunder.

Doch auch sie hatte bereits etwas von dem dunklen Ale getrunken und hatte Ihr Glück wohl unterschätzt, denn als der hohe Lord seinen Becher hob, lagen fünf Einsen auf dem Brett. Er blinzelte, sah erneut hin und blinzelte wieder. Scheinbar hatte er selbst nicht registriert, dass nur Einsen lagen oder er sah bereits doppelt.

Eola seufzte und wollte sich erheben, da sprang der Lord auf und riss mit wutverzerrtem Gesicht den Dolch vom Gürtel.

“Ihr betrügt! Soviel Glück ist Hexerei!”

Auch seine Männer waren nicht weniger perplex.

“Ihr seid ein Hexer Bursche, gebt es zu!”

Dabei fuchtelte er mit dem scharfen Eisen vor Eolas Gesicht und lief so rot an, das sie Angst hatte, er würde gleich explodieren.

“Passt auf damit, sonst tut ihr euch noch weh”, erwiderte sie und erhob sich.

Doch der hohe Lord schien sich Luft machen zu müssen.

“Ist das eine Drohung Junge? Was seid ihr? Ein Spion des Kaisers?”

Eola versuchte zurückzuweichen, doch stieß dabei beinahe an das heiße Eisen der Feuerschale hinter ihr. Sie wich zur Seite aus und kurz sah es so aus, als würde der Lord das Gleichgewicht verlieren. Er hielt sich gerade noch so am Tisch fest, stieß dabei jedoch den Becher um und seine Hand rutschte auf den Würfeln darunter weg. Mit einem dumpfen Geräusch schlug er auf dem Tisch auf und fiel zur Seite. Er kam auf ein Knie, doch etwas stimmte nicht. Im Dunkeln konnte sie erst nicht erkennen, was passiert war, doch dann frohr ihr das Blut in den Adern. Der Dolch des Mannes steckte bis zur Parierstange unterhalb seiner Kehle und Blut lief ihm über Brust und Arme. Ungläubig starrte er darauf hinab, dann gab er ein erstauntes Glucksen von sich und starb. 

Sein Körper sackte schlaff zur Seite und Eole blinzelte irritiert. Dann ging alles sehr schnell. Die Männer des Lords sprangen auf und zwei waren bei ihr, bevor sie reagieren konnte. Die übrigen starrten perplex auf ihren Lord hinab.

“Fesselt sie.”

“Das war Mord!”, rief jemand.

“Hexenwerk”, jemand anderes. 

Wind kam auf und die Feuer in den Schalen flackerten.

Dann schmeckte Eola Erde, als man sie auf den Boden drückte und sich raue Fesseln um ihre Arme und Beine legten.

In ihrem Schädel ratterte es. Was war gerade nur passiert? Ihr Glück sollte sie vor so etwas eigentlich bewahren. Wie konnte es nur sein, dass sie, ausgerechnet sie… Doch ihr Kopf spuckte einfach keine vernünftige Erklärung aus. Man trat ihr in die Seite, dann wurde sie auf die Beine gezerrt und über den Hof geschleift.

“Bringt sie vor den König!”, verlangte jemand.

“Tötet den Hexer”, forderten einige, doch jemand trat den Männern in den Weg, die sie in Richtung des Eingangs zur Burg zerrten.

“Was ist hier los?”

Sie erkannte Fremms Stimme und hob den Kopf.

“Hexenwerk, er hat den hohen Lord Geiz getötet. Ins eigene Messer, mit Hexenkraft. Wir haben es alle gesehen.”

Fremm sah auf Eola hinab und rieb sich müde über die Augen.

“Ich versteh. Sicher, dass er nicht einfach zu betrunken war…”

“Seht den Wind, der geht!”

“Wie bei der Zauberin. Er ist mit den Geistern im Bunde”

Fremm seufzte und nickte dann.

“Bringe ihn in den Kerker, der König wird sich morgen mit ihm befassen.”

Langsam kam Eola wieder zu sich. Es gab nur eine logische Erklärung für all das. Ihr Glück hatte sie verlassen. Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter. So ging es also zu Ende. Als Verräter hingerichtet. Vielleicht hatte der hohe Lord Recht behalten. Irgendwann musste jedem einmal das Glück ausgehen, selbst ihr. Vielleicht war sie zu weit von der Küste von Kanaahn entfernt.

Solange sie an Wunder glaubte, blieb seine Macht ihr bestehen. 

Sie meinte nicht, dass sie aufgehört hatte zu glauben, aber sie war kurz davor.

Das wurde ihr schmerzhaft bewusst, als man sie die Treppe hinab schleifte, durch den feuchten, schimmlig riechenden Gang, bis in die kleine nackte Zelle. Kalte Eisen legten sich um ihre Hände und Füße und dann war sie allein.


Samstag, 15. Februar 2025

Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis

 Die Zauberin

Das Glückskind: Gentilis


Im Dunkel unter den fernen Gebirgen, sollen sie leben. Einst verstoßen, von ihren eigenen Göttern, war ihre Magie doch zu finster, ihr Schaffen zu zerstörerisch. So stieß man sie vom Himmel herab in lichtlose Tiefen.

Und doch ist ihre Macht nicht gebrochen.

An manchem Feuer erzählt man hinter vorgehaltener Hand, in verzweifelter Stunde wandte sich mancher an sie.

Doch seiet gewarnt, denn jeder Segen birgt auch den Fluch und sollten sie erneut sich erheben, wird Untergang folgen.


Aus: “Die Saga der dunklen Schwestern”

Von Gaudre Fahryl


Kapitel 1: Die Königsmacherin


Die Vasallen der Hügelreiche hatten die Stadt erreicht. Sie waren mit der Abendsonne empfangen worden und versammelten sich zahlreich am Hofe der Feste Ärenfels. Sie lag am Rande der Hügelreiche, südlich vom Reihwasser, die im Frühling und Sommer die Graßländer fluteten. Eola hatte sich einer Gruppe Händler angeschlossen, die aus dem Norden gekommen waren. Seit den Vorkommnissen bei Madiskat hielt sie sich bedeckt. Und doch eilte ihr Ruf ihr voraus. Oder besser gesagt die Geschichten über den Drachen, der bei Madiskat gesehen worden war. Dass es einem kleinen Mädchen gelungen war, den Nebelkaiser zu stürzen, war niemandem bekannt. Trotzdem häufen sich die Gerüchte, dass seine Macht gebrochen war.

Gerüchte, die das Machtgefüge des Reiches ins Wanken gebracht hatten. Seitdem riefen die Könige der umliegenden Länder ihre Vasallen zusammen.

Es würde Krieg geben, so hieß es.

Doch Eola war aus eine anderen Grund nach Ärenfels gekommen und dieser Grund stand neunzig Schritte entfernt von ihr auf einer hohen Treppe, die zum Trohn des Erben von Ärenfels hinauf führte. Die Feste stand auf dem höchsten Felsen der Hügelländer und galt als letzte Bastion gegen die Nebelreiche. Jetzt, wo die Macht des Kaisers schwand, zogen sich seine Nebel über die letzten Hügelkuppen Richtung Küste zurück.

Die Burg bestand aus festem Stein, gebaut für die Ewigkeit und auch wenn sie nicht mit der Zitadelle in Madiskat mithalten konnte, war sie doch ein beeindruckendes Bauwerk. Die umliegenden Dörfer hatten sich zu einer Stadt verbunden und bestanden hauptsächlich aus rotem Lehm, den man aus den Gruben am Fuße des Tau förderte. Der Berg war der letzte Ausläufer der westlichen Bergkette, die im Volksmund als Nebelklippen bekannt waren, da sie im Norden direkt ans Meer grenzen und selbst ohne die Hilfe des Kaisers stets in feuchte Nebel gehüllt waren.

Der Thronsaal war ein großer rechteckiger Raum mit hohen Decken und Säulen aus Granit, die das schwere Dach aus Eichenholz und Tonschindeln trugen. Es war kalt und zügig und die wenigen Feuerbecken aus dunklem Stahl vermochten kaum Abhilfe zu schaffen.

Der Erbe von Ärenfels war jung, seine Garde bestand jedoch aus gesottenen Kriegern, die in Stahl gehüllt grimmig dreinblickten. Ihr Leiutnant, ein Mann namens Fremm Eulehrt, hatte bereits seinem Vater gedient, der, soweit Eola wusste, im Winter an einer Grippe verstorben war. Seitdem sorgte er dafür, das der junge Lord die Treue aller Hügelstämme erhielt, die ihm laut Erbrecht zustanden. Fürst Eolin von Ärenfels war nur an einem noch mehr interessiert als am Treueeid seiner Vasallen und das war die Magie.

Der Kaiser hatte die meisten Magier an seinen Hof geholt, die Hexenmeister ausgelöscht und die verborgenen Schwesternschaften überhaupt erst zu den Verborgenen gemacht. Alle Magie, die sich seinem Einfluss entzog, war verboten worden, die weisen Frauen geächtet, die Schamanen und Seherinnen verbrannt worden. Doch jenseits seines Einflussgebietes, gab es noch Zauberer und Zauberinnen, die sich ihm hatten entziehen können.

Eine davon hatte Eolin an seinen Hof geholt.

Eine Frau, deren Ruf ihr voraus eilte.

Bajka von Veysgrad, die Königsmacherin.

Ihre bloße Anwesenheit versetzte die Lords der Hügelländer in Aufruhr. Man tuschelte hinter vorgehaltener Hand, habe der Junge jetzt endgültig den Verstand verloren? 

Die Flüsterin, nannte man sie, die Grabmutter, die Schuldlose, man könne ihr nicht trauen.

Doch allen war klar, warum sie hier war, sie alle hatten die Gerüchte gehört. Der Kaiser war schwach und mit Anbruch des Sommers würde man marschieren, in Richtung der Hauptstadt, sie zu nehmen und ihn endlich zu stürzen, wie es der Familie von Ärenfels vorbestimmt war. Noch bestanden die Truppen der Vasallen nur aus ein paar hundert Mann, aber es würden sich ihm mehr Lords anschließen, je weiter er kam, daran bestand kein Zweifel. Zu lange hatten sie unter den hohen Steuern des Kaisers gelitten, seinen Visionen gedient, die nicht ihre eigenen waren.

Doch für all das interessiert Eola sich kaum. Sie war seit letzte Nacht auf Ärenfels, hatte sich ein Zimmer in einem Wirtshaus in der Stadt genommen und sich mit den Männern des Lord Kamm von Riedhalm in die Feste begeben. Sie hatte für ihn bei einem der Händler einen unverschämt niedrigen Preis für angemessene Gewänder herausgeschlagen und als Gegenleistung lediglich verlangt, dass man sie mit in die Festung nahm, sie wolle ein Blick auf die Zauberin erhaschen.

Der Lord Zustimmung gebrummt und ihr klargemacht, dass sie sich im Hintergrund halten sollte und sie hatte nicht widersprochen.

Jetzt stand Eola hinter einer der Säulen und schob sich dann jedoch vor einen der Männer, um einen besseren Blick auf die Frau zu erhaschen, die sie bereits als ihre neue Lehrmeisterin auserkoren hatte. Ihre Zusammenarbeit mit Oine hatte ihr nicht nur verraten, dass sie dazu in der Lage war Magie zu wirken, sondern auch, dass es vielleicht besser wäre es auch tatsächlich zu lernen. Sie mochte von ihrem Glück beschützt werden und es half ihr auch dabei, jedes ihrer Ziele zu erreichen. Aber es war auch unzuverlässig und sie sehnte sich danach mehr über Zauberei zu erfahren.

Und wer wäre dafür besser geeignet als die berühmteste Magierin südlich des Nebelreiches.

Sie hatte die Geschichten gehört, nicht wenige davon aus Yarehs Mund und Bajkas Schönheit war in nicht wenigen Liedern besungen worden, die Eola auf ihrer Reise nach Ärenfels gehört hatte. Doch sie alle wurden ihr nicht gerecht.

Bajka war nicht nur schön, sie war atemberaubend.

Die Frau, die auf der hohen Treppe stand, trug ein Kleid aus nachtblauer Seide, das bis zum Boden ging und ihre perfekte Figur an genau den richtigen Stellen betonte. Die langen schwarzen Haare trug sie offen. Sie fielen in leichten Schwüngen bis auf ihre Schultern und rahmten ihr perfektes blasses Gesicht ein. Ihre Lippen und Wimpern hatten einen beinahe überirdischen Schwung und verliehen ihrem sanften Lächeln eine Anmut, die Eola verzauberte. Ihre Augen hatten die Farbe der aufgewühlten See, nach dem Sturm und die hohen Wangenknochen ließen sie unheimlich stolz wirken. Ein Eindruck, der laut der Geschichten, die man sich über sie erzählte, nur zutreffen konnte.

Jede der Edelfrauen des Erben verblasste zu einem Mauerblümchen gegen sie und nicht wenige Männer waren in unsterblicher Liebe zu ihr entbrannt. Doch man fürchtete die Zauberin genauso sehr wie man sie bewunderte.

Eolin schien da jedoch eine Ausnahme zu sein. Der junge Lord war nicht weniger respektiert als sein Vater. Er saß stolz auf seinem Thron, leicht vorgebeugt richtete er das leise Wort an seine Berater und Lansknechte, während sich der hohe Raum mit Männern und Stimmen füllte. Eolin war ein hübscher Junge mit hellem Zopf und dunklen Augen, das Haupt mit dem dünnen Reif aus Gold darauf hoch erhoben. Einer nach dem anderen traten die Vasallen vor, in feiner Kleidern neigten sie den Kopf und schworen ihre Eide, die Lord Eulehrt für den Konig entgegen nahm. Fremm Eulehrt war vom Vater des jungen Königs zum Lord ernannt, nachdem seine Familie in der Schlacht bei Eiblingen Ehre gewonnen hatte. Die Familie Eulehrt, besaß seitdem nicht wenige der Ländereien um Ärenfels herum und waren dem jungen Lord treu ergeben. Das alles hatte Lord Kamm ihr erklärt, bevor sie zum Treffen auf Ärenfels aufgebrochen waren.

Hier und Heute sollte besprochen werden, wie der Feldzug sich gestaltete und Kamm hatte ihr erklärt, dass der junge König außerdem erwarten würde, dass seine Vasallen ihm den Eid erneuerten. Fremm Eulehrt war ein kräftiger Mann ende vierzig mit bereits ergrautem Bart, aber einer Ausstrahlung die jahrelange Befehlsgewohnheit mit sich brachte.

Es hatte beinahe den halben Tag gedauert, bis jeder Lord erneut vereidigt worden war und noch immer traten Lords vor, knieten sich vor die hohe Treppe und rezitierten lange Treueschüre. Es war nicht gerade günstig für Eolas Pläne, dass die Zauberin eine große Rolle bei dem spielen würde, was kam, aber ohne dieses Treffen hätte sie die Königsmacherin vielleicht nie gefunden. Sie würde sich auf ihr Glück verlassen müssen. Es würde ihr schon noch die Gelegenheit verschaffen, mit Bajka zu sprechen.

Dann erhoben sich Stimmen am Thron und Eola verfolgte interessiert, was geschah.

“Lord König!”

Der König sah den Vasallen an, der gesprochen hatte.

Der Mann mit vollem Bart und in den Farben der Graslandlords deutete auf die Zauberin.

“Was macht sie hier?”

Eolin hob langsam eine Augenbraue.

Endlich kam das Wort auf die Frau zu sprechen, wegen der sich Eola hier eingefunden hatte. Auch andere Männer im Saal schienen dem Unmut des Lords bezupflichten, denn zustimmendes Gemurmel erhob sich.

“Das ist Lord Hessen, seine Reiche liegen im direkten Einflussgebiet des Kaisers”, erklärte der Mann neben ihr, einer von Kamms Gardisten, der noch ein halber Junge war.

“Eine Abtrünnige! Was macht sie am Hofe? Ihr folgt der Tod, Herr!"

Eolin nickte, dann erhob er sich zum ersten Mal an diesem Vormittag vom Thron und hob die Hand. Die Stimme im Saal verstummten.

“Ich will, dass ihr dies alle hört”, ließ der junge König verlauten.

“Die Herrin von Veysgrad steht unter meinem Schutz. Sie wird uns im kommenden Konflikt beraten. "Manche kennen ihre Fähigkeiten, sie können uns nur von Nutzen sein und ich kann nicht riskieren, dass sie dem Feind zuflüstern."

“Von welchem Nutzen soll sie uns sein?”, rief Lord Hessen.

“Ihre Krone wiegt schwer wie Eisen und kostet mehr als Gold”, murmelte einer von Kamms Männern, etwas, das man der Königsmacherin nach sagte.

“Sie wird ihre Macht nutzen, um uns den Sieg zu sichern. Außerdem benötigen wir magische Hilfe, um den Zauberern des Kaisers Einhalt zu gebieten. Sie ist dazu in der Lage, sie unserer Streitkraft hinzuzufügen, sobald wir die Akademie erreicht haben.”

Doch Lord Hessen war nicht überzeugt.

“Man kann ihr nicht trauen. Ihr Preis wird Blut sein. Blut, dass ihr nicht zu zahlen bereit sein werdet.”

Eolin verzog verärgert die hübsche Stirn.

“Lord Hessen. Wir sind hier, um unseren Vormarsch zu sichern. Ich werde mit euch nicht über die Besetzung meines Beraterstabs diskutieren.”

“Junge! Ihr wisst nicht, mit wem ihr euch da einlasst.”

Jetzt kam Lord Fremm die Höhe Treppe hinunter und warf Hessen einem vernichtenden Blick zu.

“Ihr redet mit dem König Lord! Zeigt Respekt.”

“Respekt!”

Lord Hessen stieß ein trockenes Lachen aus.

“Konig von was?”

Fremm zog das Schwert, doch Eolin hob die Hand.

“Lord Hessen, schwört euren Eid! Oder muss ich euch daran erinnern, wem eure Treue gilt?”

“Sie galt euren Vater Lord. Ihr seid gerade mal ein Junge und ich zweifel euer Urteilsvermögen an, wenn ihr einer Hexe der Berge vertraut, noch dazu der Grabmutter.”

Eola beobachtete fasziniert, wie bei der Erwähnung dieses Namens ein Schatten über das Antlitz der Zauberin flog.

“Das ist Verrat Lord”, erinnerte Fremm ihn.

“Kniet nieder und schwört euren Eid oder verliert den Kopf!”, forderte der König, sein Blick kalt wie Eis. Eola schien er durchaus in der Lage, einen vernünftigen König abzugeben.

Lord Hessen wollte gerade etwas erwidern, da zog ein kalter Wind durch die Halle und ließ die Feuer in den Eisenschalen flackern. Es wurde ein gutes Stück kälter im Saal und zum ersten Mal erhob die Zauberin selbst das Wort.

Ihre Stimme schien magisch verstärkt und erfüllte die Halle mit Echos. Und doch war ihr Klang sanft und besaß einen Singsang, der sofort jeden Anwesenden in ihren Bann schlug.

“Die Nebel des Kaisers schwinden, seine Macht ist gebrochen. Lasst euch nicht von Angst beherrschen, Lord Hessen.”

Eolin neigte leicht den Kopf und Bajka trat neben ihn.

“Ich bin hier, weil ich seinen Untergang vorhersah. Ich habe Ärenfels aufgesucht, weil ich wusste, dass es hier beginnt, der Siegeszug der Hügelländer.”

Eola lächelte, sie fragte sich, ob die Zauberin die Wahrheit sprach. Wenn sie den Fall des Kaisers tatsächlich vorhergesehen hatte, musste sie auch Eola gesehen haben, wie sie dafür gesorgt hatte, oder den roten Riesen. Oine hatte gesagt, sein Tod habe in den Sternen gestanden. Laß diese Frau die Sterne? Wenn sie tatsächlich aus den Bergen kam, dann könnte es gut möglich sein, dass sie etwas der Macht besaß, die auch den Hexenmeistern bekannt gewesen war. Lord Hessen starrte die Königsmacherin bloß wütend an, dann erhob er erneut das Wort.

“Eure Zunge ist Verderbnis, Hexe. Euer Fluch ist, was ich fürchte, Grabmutter.”

Die Zauberin, die bisher die Hände in ihrem Kleid verborgen hatte, hob sie jetzt aus der nachtblauen Falte und bewegte kaum merklich den langen blassen Finger. Plötzlich begann Lord Hessens Stirn zu leuchten und Rauch stieg von der Haut auf, der sich in Kringeln zur Decke bahnte. Der Lord schrie auf und fiel auf die Knie. Bajkas Lippen waren ein dünner Strich. Dann erklang ihre Stimme, diesmal klirrend wie Eis.

“Ich sah auch euren Tod Lord. Noch könnt ihr den Zeitpunkt wählen. Sterbt im Kampf für euren König oder als Verräter, noch hier und heute.”

Die Männer des Lord Hessen wichen von ihrem Herrn zurück. Auf der Stirn des Mannes war eine dunkle Rune eingebrannt, seine Augen blickten geweitet in die Ferne, schien er doch etwas zu sehen, das nicht hier war.

Die Zauberin stieg die hohen Stufen hinab und die Männer wichen noch weiter zurück. 

Sie näherte sich dem knienden Lord, dann legte sie ihm die dünnen Finger auf die Stirn, als wolle sie ihn segnen. Als sie die Hand wieder weg nahm, war die Runde verschwunden und Lord Hessens Lieder flatterten. Dann war er wieder im Hier und Jetzt und Tränen rannen ihm über die zerfurchten Wangen.

“Verzeiht mir Herrin”, flüsterte der Lord, so leise, dass Eola es beinahe nicht verstanden hätte. Dann senkte er den Kopf und die Zauberin nahm wieder ihren Platz auf der hohen Treppen ein. Licht fiel durch die Fenster hinter ihr und verlieh ihrer Gestalt etwas Durchscheinendes. Eola starrte immer noch fasziniert zu ihr hinauf. 

Wieviel davon war nur Schauspielerei und Tricks?, fragte sie sich.

Oine hätte es sicher durchschaut.


“Was meint ihr was er gesehen hat?”, fragte Kailan, als sie später bei Ale und Eintopf im Wirtshaus saßen.

“Seinen Tod?”, vermutete Eola, doch Lord Kamm zuckte nur mit den Schultern.

“Mich interessiert viel mehr, wie sie gedenkt, die Magier des Kaisers auf unsere Seite zu ziehen. Wenn sie Recht hat und die Macht des Kaisers gebrochen ist, sind sie die größte Bedrohung für diese ganze Unternehmung.”

Eola grinse.

“Eine berechtigte Frage”, antwortete Sellen, der Gardist, der auch im Thronsaal mit ihr gesprochen hatte. Dabei warf er Eola eine seltsamen Seitenblick zu und sie verdrehte genervt die Auge. Er tat das, seit er herausgefunden hatte, dass sie kein Junge war und sie wünschte sich, er würde es unterlassen.

“Also stimmen die Gerüchte, der Kaiser ist Geschichte?”, fragte Kailan. Er war Kamms rechte Hand und sehr viel gesprächiger als sein Lord.

“Zumindest zieht sich sein Nebel zurück. Wir können nur hoffen, dass die Gerüchte stimmen, oder wir marschieren in unser Verderben.”

Kailan nickte.

“Wenn der Kaiser noch lebt, hat er vielleicht einfach seine Kräfte verloren.”

Kailan runzelte die Stirn.

“Wie kommst du darauf?”

Eola zuckte mit den Schultern.

“Nur so eine Theorie.”

Doch dabei ging ihr Blick einmal durch die Taverne und blieb in einer dunklen Ecke hängen.

So sehr sie sich wünschte Sellen würde aufhören sie anzustarren, so sehr sie hoffte die Zauberin würde sie in die Lehre nehmen, wünschte sie sich doch eins noch viel mehr: 

Das er endlich aufhörte, ihr zu folgen. Doch die gekrümmte Gestalt war immer noch da. Er konnte kaum noch laufen, stütze sich auf einen knorrigen Stock und sah sie aus wässrig blauen Augen unverwandt an. Augen die ihr immer noch einen Schauer über den Rücken jagten, dabei war nichts mehr der Zauberkraft in ihm, die ihn einst ausgemacht hatte.