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ein verrirrter Prolog, mit Aussicht auf mehr.

Fabians Prolog  oder “Wie schmeckt eigentlich Kartoffelsuppe?” Im Allgemeinen war es sehr heiß. Es war auch gruselig und schaurig und ab und...

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 15


Aller Anfang ist schwer


Die einzigen Gäste der Taverne zum Ärenfels, waren zwei Prostituierte ohne Arbeit, drei Bauern, die in ein Gespräch über Dreifelderwirtschaft vertieft waren und der Krieger mit dem zerrissenen Hemd. Kailan saß zusammengesunken an der Theke. Er fuhr hoch, als der Wirt, ein fetter Typ mit langem Bart, die flache Hand auf das Holz klaschen ließ.
“Aufwachen! Nehmt euch ein Zimmer oder trollt euch.”
Kailan seuftzte. Sein Kopf drehte sich und er griff nach dem Geldbeutel an seinem Gürtel. Er war besorgniserregend leer.
“Eine Flasche für den Weg, Heck.”
Er legte seine letzten fünf Schillinge auf die Theke und der Wirt sah missbilligend darauf hinab.
“Das reicht nicht mal für das letzte Glas und ihr hattet fünf davon.”
“Dann schreib's halt an, Heck.”
Der Wirt seufzte und schob die Münzen über das Holz, bis sie in seine offene Handfläche fielen. Dann stellte er Kailan eine Flasche billigen Fusels hin.
“Ich brauche das Geld bis Ende der Woche, Kailan. Unser König hat meine besten Kunden in seinem Heer verpflichtet.”
Kailan rümpfte die Nase, nickte jedoch. Dann hievte er sich Hocker hoch und torkelte zur Tür. Er war müde, das Zimmer konnte er sich nicht länger leisten und das Kettenhemd hatte er bereits verkauft. Alles, was ihm blieb, war das Hemd am Körper und der Anhänger unter dem vergilbten Stoff. Ein wertloser Stein an einer dünnen Kordel. Kailan blieb kurz vor der Taverne stehen und atmete die klare Nachtluft ein, dann lief er los. Ohne Ziel irrte er durch die Stadt, einfach fort von hier, wo auch immer das war. Irgendwann ging die Flasche mit Hecks Fusel zur Neige. Er bog in eine kleine Gasse und musste sich an einem Fenstersims festhalten. Er schwankte bedrohlich. Kailan stieß sich wieder davon ab und lief weiter. Doch er kam keine zwei Meter weit, bevor ihm erneut schlecht wurde und er sich auf seine Stiefel übergab. Er sank an der Mauer nieder und spülte den bitteren Geschmack im Mund mit einem Schluck aus der Flasche fort. Mondlicht fiel in die Gasse und er sah auf seine zerrissene Hose hinunter. Er erinnerte sich nicht mehr, wann der Stoff am Hosenbein aufgerissen war. Seitdem die Truppen des Königs abgezogen waren, hatte er entweder getrunken, gehurrt oder geschlafen. Doch Kailan schlief nicht gut. Sobald er die Augen schloss, sah er wieder das bleiche Gesicht seines Lords vor sich. Er setzte die Flasche an die Lippen, doch nur ein einzelner Tropfen rann ihm über die Lippen. Er warf sie achtlos gegen die Mauer und das Glas zersplitterte geräuschvoll. Kailan war in keiner guten Verfassung, das Hemd hing ihm in Fetzen am Körper, die Stiefel hatten Löcher und er stank nach Alkohol und Schweiß. Da  näherten sich Schritte, hallten laut in der engen Gasse wieder. Kailan sah auf, dann runzelte er die Stirn. Die Männer, die sich näherten, waren keine Unbekannten. Er kannte sie nicht beim Namen, aber sie gehörten ohne Zweifel zum ehemaligen Gefolge Kamm’s. Nicht alle Männer des Lord von Riedhalm waren mit dem König nach Hause zurückgekehrt. Es gab welche, wie Kailan selbst, die nicht einsahen, für einen König zu kämpfen, der ihren Lord zum Tode verurteilt hatte. König Eolin hatte ihnen die Wahl gelassen, aber im Grunde galten sie alle als Deserteure. Nur war der König nicht mehr da, um sie für dieses Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Ein stämmiger Bursch mit der Brosche des Lord am Hemd, scheinbar der Anführer der Gruppe baute sich vor ihm auf und sah angewidert auf Kailan hinab.
“Kailan Dain, die rechte Hand unseres Lords. Wie tief man doch fallen kann.”
Er spuckte aus und Kailan schnaubte leise. Die Männer hinter dem Anführer trugen Lederrüstungen, mussten also zum einfachen Fußvolk des Lords gehört haben. Sie waren ungewaschen, aber immer noch in besserer Verfassung als die rechte Hand ihres Lords.
“Was wollt ihr?”, nuschelte er. Der Alkohol erschwerte es Kailan, sich zu artikulieren.
“Wegen euch werde ich meine Frau nie wieder sehen. Wir können nie wieder nach Riedhalm zurück. Nicht nach der Schande, die ihr uns gemacht habt, rechte Hand.”
Kailan nickte. 
“Das tut mir wirklich leid.”
Und er meinte es ernst, doch der Anführer der Deserteure schnaubte verächtlich.
Er stieß Kailan unsanft mit dem Fuß an. 
“Los, steht auf! Ich will niemanden treten, der schon im Dreck liegt.”
“Das tut mir wohl ebenso leid, denn ich fühle mich hier unten im Dreck eigentlich ganz wohl."
Der Anführer starrte ihn wütend an, dann gab er seinen Männern ein Zeichen.
“Helft der verehrten rechten Hand auf die Beine.”
Die Männer griffen Kailan bei den Schultern und zerrten ihn auf die Füße. 
“Danke Jungs, sehr zuvorkommend. Aber das war wirklich nicht nötig.”
“Halt die Klappe Kailan. Ihr habt diese Gör aufgenommen. Ihr seid Schuld daran, dass sie unseren Lord zu Fall gebracht hat. Ihr habt bloß daneben gestanden und zugeschaut, wie sie alles zerstört hat.”
Kailan nickte bloß. Der Deserteur rammte ihm die Faust in die Magengrube und kam mit seinen Lippen ganz nah an Kailan’s Ohr.
“Ich konnte euch nie leiden, Dain. Ihr haltet euch jeher für etwas Besseres, der Held von Riedhalm, die rechte Hand des Lords, dabei kommt ihr aus der Gosse, habt euch bei unserem Lord eingeschleimt, euch wie ein Parasit in seinen Pelz gesetzt.”
Kailan hustete und verdrehte die Augen.
“Bringt es schon hinter euch.”
Der Anführer trat zurück und lächelte grimmig.
“Oh nein, so leicht werden wir es euch nicht machen, rechte Hand. Erst werdet ihr leiden. Wir brechen euch ein paar Knochen, schneiden vielleicht ein bisschen an euch herum, dann sehen wir weiter. Ich habe gehört, im Norden gibt es noch einige Händler, die für kräftige Sklaven gut zahlen.”
Kailan zuckte mit den Schultern. Es war ihm gleichgültig, was sie mit ihm anstellten. Er hatte es verdient. Doch den Deserteur schien seine Gleichgültigkeit nur noch wütender zu machen. Kailan konnte auch das nachvollziehen. Es wäre vermutlich sehr viel einfacher gewesen, in ihm den Schuldigen zu sehen, wenn er es strikt bestritten hätte. Sich weiter als der ehrenhafte Krieger gab. Also straffte er die Schultern und versuchte, überheblich zu grinsen. Sollten sie bekommen, wonach sie sich sehnten. Einen Schuldigen, einen Sündenbock, es musste immer einen geben. Wohin sonst mit all der Wut und all dem Zorn?
“Ich bin dafür verantwortlich, dass unser Lord tot ist, also tut was ihr tun müsst. Ich habe versagt. Ich hätte ihn retten müssen, hätte es kommnen sehen müssen. Schlagt schon zu! Na los! Oder traut ihr euch nicht?” Die Männer funkelten ihn an und dann landete die Faust des Anführers in Kailans Gesicht. Seine Wange brannte und er spuckte Blut. Die Rechte des Kriegers war so hart wie Stahl. Gut so.
“Ihr seid nichts weiter, als ein verwahrloster Streuner. Ohne den Lord seid ihr nichts. Niemand wird euch vermissen. Ihr habt nicht einmal Familie in Riedhalm, also tut nicht so, als würdet ihr unseren Schmerz verstehen." 
Wieder schlug der Anführer ihm ins Gesicht und Kailan wurde kurz schwarz vor Augen. Er konnte sich nicht wehren. Die beiden Deserteure hatten ihn fest bei den Armen gepackt und ihr Anführer bearbeitete ihn weiter mit den Fäusten. Kailan ließ ihre Schläge über sich ergehen. Er verstand ihren Schmerz nicht, das mochte stimmen, aber er hatte seinen Lord geliebt, er hatte sein Leben riskiert, um ihn zu retten, war fast gestorben und hatte trotzdem versagt. Er verstand ihren Schmerz nicht, aber er hatte seinen ganz eigenen. Wut brandete in ihm auf. Wollte er, dass hier, dass diese Männer ihn töteten? War das sein Ziel, dem Lord ins Reich der Toten zu folgen? Nein, er wollte Gerechtigkeit. sein Auge begann bereits anzuschwellen und seine Nase pochte dumpf, vermutlich war sie gebrochen. Doch irgendwo fand er die Kraft, sich zu wehren und seinen Schmerz zu nutzen. Er spuckte dem Anführer sein eigenes Blut ins Gesicht, dann ließ er sich fallen und zog kräftig an den Armen seiner Kameraden. Sie knallten mit den Köpfen zusammen und gingen stöhnend zu Boden. Kailan trat einem der beiden Männer zwischen die Beine und bekam eine Hand frei. Der zweite sah seine Gerade kommen, konnte aber nicht schnell genug ausweichen. Die Prügel des Anführers hatte Kailan den Rest Alkohol ausgetrieben. Der Mann ging jetzt zum Angriff über, aber Kailan wich unter seinem Schlag weg und rannte in ihn hinein. Sie fielen zu Boden und der Deserteur hieb seine Faust in seine Seite. Doch Kailan ließ nicht locker und schaffte es, seinen Gegner niederzuringen. Dann saß er auf ihm und schlug zu. Einmal, zweimal, dreimal, bis sich der Krieger unter ihm nicht mehr rührte. Kailan kam schwankend wieder auf die Beine. Er hielt sich an der Wand fest und spuckte aus, Blut und eine Zahn. Dann schleppte er sich müde aus der Gasse. Sie hatten ihm nichts antun können, dass er sich nicht schon selbst antat. Kailan lief weiter, auch wenn er sich am liebsten einfach in einer dunklen Ecke verkrochen hätte. Ohne das er wusste warum, steuerte er den Hügel aufwärts und kam schließlich vor den Mauern der Burg aus. Die Tore waren verschlossen, seit der König ausgezogen war. Unschlüssig blieb Kailan vor dem großen Holztor stehen. Dahinter lag der Burghof und der Ort, an dem der Galgen gestanden hatte. Warum war er hergekommen? Er wusste es nicht. Trotzdem hob er die Hand und schlug mit der Faust zweimal gegen das Holz. Er wollte schon umkehren, da wurde ein Riegel beiseite geschoben und im Tor öffnete sich eine kleine Luke.
“Ja?”, fragte eine gelangweilte Stimme, dann musterte der Soldat ihn misstrauisch.
“Keine Bettler!”, grunzte der Gardisten und wollte die Luke wieder schließen, doch Kailan griff hinein und umschloss die Hand des Soldaten.
“Ich will mit jemandem sprechen, der etwas zu sagen hat.”
Der Gardisten warf ihm einen wütenden Blick zu und wollte Kailan’s Hand abschütteln, doch er verdrehte dem Soldat den Arm.
“Sag deinem Vorgesetzten, es ist wichtig. Es geht um den Kaiser.”
“Wollt ihr die Hand verlieren, Bettler! Der Marschall redet nicht mit Abschaum.”
Kailan wurde wütend. Er hatte diesem verfluchten König alles gegeben und so dankte man ihm?
“Macht das Tor auf oder ich breche euch den Arm.”
Er hatte kaum genug Kraft in seiner Position, um den Soldaten weiterhin festzuhalten. Aber der Gardist war nicht hier geblieben, weil er viel über den Kampf wusste, das sah Kailan ihm an: Die Angst in seinen Augen, obwohl er versuchte, es zu überspielen. Vermutlich hatte er gedacht, hinter seinem Tor in Sicherheit zu sein. Kailan musste schmunzeln, als der Soldat auf seinen Bluff herein fiel und den Riegel beiseite schob.
“Und jetzt öffne das Tor, ganz langsam.”
Der Soldat nickte und schob das Tor auf. Dabei riss er sich los und Kailan vernahm das Scharren von Metall, als der Gardist das Schwert zog. Doch Kailan hatte bereits einen Fuß im Burghof und warf sich gegen das Tor. Das schwere Holz schwang auf und krachte dem Gardisten ins Gesicht. Der Soldat ließ das Schwert fallen  und hielt sich die blutende Nase. Er fluchte und Kailan hob die Klinge auf. Bevor der Gardist sich besinnen konnte, hatte er die scharfe Spitze unter dem Kinn. Langsam hob er die Hände.
“Wer hat das Sagen, solange der König fort ist?”, wollte Kailan wissen.
“Lord Vespen, er wird euch aufknüpfen.”
Kailan schnaubte belustigt.
“Lord Vespen also? In welcher Beziehung steht er zum König?”
Der Gardist warf einen Blick hinter Kailan.
“Ein entfernter Neffe, soweit ich weiß. Er ist noch jung, aber nicht für sein gutmütiges Wesen bekannt. Man sagt, er habe auf seinem Wohnsitz in Tullah drei Männer gehängt, weil sie seine Verlobte schief angesehen haben.”
Kailan sah, wie sich weitere Gardisten näherten, doch noch schien sie Kailans Klinge am Hals ihres Kameraden zurückzuhalten.
“Wie heißt ihr Soldat?”
“Branden.”
“Wenn einer eurer Freunde auch nur mit dem Finger zuckt, spieß ich euch auf, habt ihr verstanden?”
Branden nickte vorsichtig und schielte dabei auf das Schwert in Kailans Hand hinab.
“Bringt mich zu eurem Lord, Branden. ”
Branden nickte erneut.
“Und wie heißt ihr, wenn ich fragen darf?”
“Darfst du nicht und jetzt beweg dich!”
Doch der Gardist blieb, wo er war. Soldaten schwärmten jetzt in den Burghof und Kailan vernahm das Knarren von Armbrüsten, die geladen wurden. Ein halbes Dutzend Bolzen richteten sich auf ihn und er seufzte. Dann trat ein junger Mann neben die Schützen auf den Wehrgang.
“Der da?”, fragte der junge Lord und zeigte auf Kailan. Einer der Soldaten nickte. Der Lord war in Purpur gehüllt und der gerötete Babyspeck plusterte sich unter seinen Augen auf, wie die Federn eines Huhns.
“Ein Bettler? Deshalb holt ihr mich aus dem Bett? Erschießt ihn!”
Kailan nutzte die Ablenkung und griff sich den Gardisten, den er immer noch mit der Klinge bedrohte. Mit einem Schritt war er hinter ihm und drückte das Schwert gegen seinen Adamsapfel.
“Aber Sire. Er hat Branden.”
Die fetten Backen des Jungen wurden noch roter und er klang jetzt beinahe hysterisch:
“Ihr tut, was man euch sagt! Erschießt ihn!”
Der Soldat nickte und legte an, doch Kailan schob sich mit dem ganzen Körper hinter Rembrandt.
“Ich habe keine freie…”
Der junge Lord trat neben ihn und riss ihm die Armbrust aus der Hand, bevor er den Satz beenden konnte. Der erste Eindruck hatte Kailan getäuscht, der Junge wusste mit Sicherheit wie man mit einer Waffe wie dieser umging. Kailan hob die freie Hand, machte jedoch keine Anstalten, das Schwert sinken zu lassen.
“Niemand muss heute sterben Lord Vespen. Ich will nur mit euch reden.”
Lord Vespen kniff die Agen zusammen, dann sirrte der Bolzen durch die Luft und traf Branden. Kailan konnte nicht erkennen wo, doch der Gardisten sackte in sich zusammen und schrie. Kailan fluchte und musste den Branden loslassen. Er sah wie der junge Lord die Armbrust nachlud und war sich bewusst das seine Situation aussichtslos war, doch seine berechnende Vernunft war mit Kamm gestorben. Er stürmte vor und schlug das Schwert des Gardisten vor sich zur Seite, bevor er mit einem Ausfallschritt an ihm vorbei setzte. Er war immer noch nicht aus der Gefahrenzone, aber wenn Lord Vespen ihn erschießen sollte, war es eben so. Kailan war es leid. Er rammte dem Soldat rechts von ihm die Schulter vor die Brust und schlug dem nächsten den Schwertknauf gegen die Stirn. Stöhnend ging der Mann zu Boden. Branden hatte aufgehört zu schreien, doch es waren immer noch ein gutes Dutzend Gardisten mit ihm in Innenhof der Burg. Einer von ihnen, ein Hühne von einem Man, hieb mit dem Schwert nach ihm. Er war schwerfällig und langsam, vermutlich ein Schmied oder Bauer und definitiv nicht ausgebildet, aber Kailan war ebenfalls nicht in bester Verfassung und schaffte es nur knapp dem Schlag auszuweichen. Und so sah er das zweite Schwer nicht kommen, das ihm um Haaresbreite einen Kopf kleiner gemacht hätte. Doch der Soldat hatte den Abstand falsch eingeschätzt und so traf er lediglich Kailans Arm. Auch war der Hieb nicht stark genug ihm den Arm abzutrennen, trotzdem grub sich die Klinge tief im Kailans Fleisch und er spürte, wie sie den Knochen traf. Das Schwert fiel ihm aus der Hand und er biss die Zähne zusammen, knurrte den Gardisten an. Noch drangen die Schmerzen nicht ganz zu ihm durch, er wusste aber, dass sich das schnell ändern würde. Er wich einer weiteren Klinge aus, doch wurde von hinten getroffen. Kailan ging in die Knie und jetzt schrie er ebenso laut wie Branden nur wenige Sekunden zuvor. Die Wunde am Rücken musste tief sein und durch die Schmerzen, die seinen Verstand benebelten, hörte er jetzt Lord Vespens Stimme.
“Halt!”
Kailan blickte auf und sah in Vespens wut verzerrtes Gesicht, der Armbrustbolzen war direkt auf seinen Kopf gerichtet.
“Ihr seid Kailan, richtig? Der Held von Riedhalm, die rechte Hand des Lord Kamm, dem unser König hingerichtet hat?”
Kailan schaffte es zu nicken, doch die Schmerzen im seinem Rücken ließen seine Muskeln zittern und er drohte das Bewusstsein zu verlieren.
“Ich werde euch nicht töten rechte Hand. Aber ihr werdet leiden, falls ihr eure Winden überlebt.”
Kailan kannte das Lächeln auf den dünnen Lippen des Jungen. Und er hatte kein gutes Gefühl dabei. Doch er hatte im Moment relativ wenig gute Gefühle. Dann verlor er das Bewusstsein.



Donnerstag, 27. März 2025

Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 14


Zauberei


Einen Tag nach dem Treffen der Herrscher, waren die Armeen, die jetzt aus knapp eintausend Mann bestandenen, aufgebrochen. Eola hatte versucht, so viel zu lesen, wie sie konnte, aber die Schriften, die Bajka ihr gegeben hatte, waren trocken. Sie war mittlerweile bei einem Buch über die Theorie der Elemente angelangt. Entgegen Eolas eigenem Wissen gab es wohl mehr als zwanzig davon und sie verstand beim besten Willen nicht, warum sich nur Holz bereits aus fünf davon zusammensetzte und vor allem nicht, was das alles mit Magie zu tun hatte. Also fragte sie Bajka, als die Zauberin hinter ihrem Wagen herritt und Eola dabei zusah, wie sie über die Lektüre gebeugt die Stirn in Falten zog.

“Die Elemente liegen nur sehr selten in reiner Form vor. Jedes Material setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Die Art der Verbindung gibt Auskunft darüber, wie viel Energie in einem Stoff gebunden ist”, erklärter Bajka. "Energie, die wir nutzen können, um Zauber zu wirken.”

Noch mehr Falten bildeten sich auf Eolas Stirn. Bajka lächelte.

“Jede Verbindung ist anders. Holz ist weicher als Stein, richtig?”

Eola nickte.

"Und Wasser wiederum ist nicht fest, sondern flüssig. Die Art der Verbindung legt also zum Beispiel fest, wie hart oder weich ein Stoff ist, ob er fließt oder fest an einem Ort verharrt. Die Art der Verbindung bestimmt außerdem, wie viel Kraft es braucht, um einen Stoff zu spalten."

“Es ist also einfacher einen Stock zu zerbrechen als einen Stein, aber das weiß ich auch so.”

Bajka schnaubte, nickte jedoch.

“Und woran meinst du, liegt das?”

“Ähm…”, Eola überlegte kurz und versuchte sich zu erinnern, ob sie darüber bereits etwas gelesen hatte.

“Weil manche Verbindungen instabiler sind als andere.”

“Richtig. In was steckt also mehr Energie? In Holz oder Stein?”

Wieder überlegt Eola.

“Im Stein? Weil die Verbindung stabiler ist?”

“Theoretisch ja. Aber die Energie im Stein ist sehr viel schwieriger nutzbar zu machen.”

“Hä?”

Bajka musste erneut lächeln und Eola klappte das Buch zu.

“Hast du schon einmal versucht, einen Stein zum Brennen zu bekommen?”

“Natürlich nicht. Steine brennen nicht.”

“Genau. Holz lässt sich verbrennen und spalten, wenn es nass geworden ist, kann man es sogar zerbröckeln. Ein Stein hingegen brennt nicht, und ob er nun nass ist oder trocken, er bleibt immer gleich hart. Es gibt weniger Möglichkeiten, die Verbindung aufzuspalten.”

“Also ist im Stein mehr Energie, aber ich kann sie auf weniger Arten nutzbar machen.”

Richtig, außerdem muss ich mehr Energie hinzufügen, als er am Ende abgibt. Ein Zauberer weiß ganz genau, wie sich ein Stoff zusammensetzt und kann so abwägen, ob es sich lohnt, die Verbindung zu manipulieren oder nicht.”

“Nagut. Aber reicht es nicht zu wissen, dass Holz halt brennt und Stein nicht?”

Bajka seuftzte.

“Wenn es lediglich darum geht, Feuer zu erschaffen, ja Aber die magische Theorie verrät uns, ebenfalls wie wir selbst Stein zum Zerbröckeln bringen können. Wie Erde in Stahl verwandeln und Waffen so verhärten können, dass sie selbst die härteste Rüstung durchdringen, ohne stumpf zu werden. Es ist nicht so spektakulär wie Feuer zu erschaffen, aber nicht weniger praktisch.”

“Nagut.” Eola schlug das Buch wieder auf und Bajka ließ sich etwas zurückfallen.

“Morgen fangen wir mit der Praxis an. Dann verstehst du vielleicht besser, wie wichtig es ist, die Verbindungen der Elemente zu kennen.”


“Und was ist mit der Semantik? Warum ist sie für die Zauberei so wichtig?”, fragte Eola, als sie sich am Abend in das Zelt zurückgezogen hatten, in dem sie zusammen mit der Zauberin und schlief. Bajka warf einige Kräuter in die Flammen der Kerze, die auf einer Holzscheibe stand, die der Zauberin als Nachttisch diente. Sie hatte Eole erklärt, dass die Mischung ihr beim Schlafen half. Trotzdem hatte Eola mitbekommen das Bajkas Schlaf nur sehr leicht war. Die Zauberin stand ab und an des Nachts auf und Eola war ihr das erste Mal noch gefolgt, nur um von ihr erwischt und zurück ins Bett geschickt zu werden.

“Die einfache Art der Magie wird mit Hilfe von Runen gewirkt. Sie geben Auskunft darüber, welche Art der Energie genutzt werden soll und was damit bewirkt wird. Die Semantik lehrt uns die Bedeutung von Schrift und Zeichen. Eine Rune kann mehrere Bedeutungen haben, je nachdem, wie sie gezeichnet wird und worauf ich sie zeichne.”

“Das klingt kompliziert.”

Bajka nickte.

“Eine Rune kann zudem unterschiedlich interpretiert werden. Die Gesetze der Semantik geben ihr erst ihre Definition. Ohne diese Definition wäre sie völlig unbrauchbar.”

“Also bekommt eine Rune ihr Macht erst dadurch, dass wir ihr eine Bedeutung geben?”

Bajka lächelte.

“Du hast ja doch etwas gelernt.”

Eola nickte stolz und kuschelte sich in ihre Decke. Sie war so aufgeregt, dass sie mit Sicherheit kein Auge zutun würde. Morgen würde sie schließlich endlich das Zaubern lernen. Nicht das langweilige Zeug aus Bajkas Büchern, sondern echte, lebendige Magie, wie Eola sie aus den Geschichten kannte.

“Wo habt ihr gelernt zu zaubern? Ihr seid schließlich keine Akademie-Magierin."

Bajka zog sich bis auf ihr Unterkleid aus und wieder blitzten Eola Runen entgegen, die überall auf ihre Haut gemalt waren. Nicht nur auf den Unterarmen, wie sie zuerst gedacht hatte. Sie bedeckten auch Bajkas Brust, ihre Oberschenkel, die Schultern und krochen sogar ihren Hals hinauf.

“Die Schamanen der Berge sind ebenfalls Magier. Aber das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Veysgrad war früher eine der stolzen Festungen des Südens. Die Bibliothek des Fürsten war eine wahre Fundgrube für magisches Wissen. Bis der Kaiser die Bücher verbrennen ließ, die ebenfalls viele Geheimnisse der Hexenmeister enthielten.”

“Dann habt ihr schon gelebt, bevor die Hexenmeister vernichtet wurden?”

Bajka lächelte traurig.

“Ich bin sehr viel älter als ich aussehe, Kind.”

“Werden alle Magier so alt?”

Bajka schüttelte den Kopf und machte es sich auf ihrem Lager bequem. Dann löschte sie die Kerze.

“Nein, aber älter als die meisten Menschen. Und jetzt schlafen endlich. Du brauchst deine Kraft für Morgen.”

“Aber die Hexenmeister sind vor über hundert Jahren gefallen …”

“Bitte Eola. Ich werde dir alles über Magie beibringen, was ich weiß. Aber gewisse Dinge gehen dich nichts an, verstanden?”

Eola nickte und streichelte Krümel gedankenverloren hinter den Ohren. Er schnurrte und rollte sich auf ihrem Kissen zusammen. War die Zauberin so alt wie Oine? Eola hatte zwar von Veysgrad gehört, aber es galt als verschollen. Eine Festung in den Bergen, die im Krieg mehrmals niedergebrannt wurde. Nach einer Stunde, die für Eolas lediglich daraus bestand, sich unruhig von einer Seite auf die andere zu wälzen, hörte sie plötzlich ein Geräusch außerhalb des Zeltes. Jemand schlich dort herum und plötzlich war sie wieder hellwach. Bajkas regelmäßige Atemzüge verrieten ihr, dass die Zauberin schlief und nichts bemerkt hatte. Sie wusste, dass die Bajka Schutzzauber um das Zelt errichtet hatte, hatte sie dabei beobachtet, wie sie die Schlafstätte umrundet hatte, mit fließenden Bewegungen ein durchsichtiges Pulver ausgestreut hatte und dabei leise Zauberformeln gemurmelt hatte. Wer auch immer dort draußen ums Zelt schlich, hielt sich also mit Absicht fern. Trotzdem wollte Eola sicher gehen. Sie suchte nach den Zündhölzern auf Bajkas Nachttisch und ertastete die hölzerne Schachtel neben der Schale mit Schlafkreutern. Krümel sah ihr mit im Dunkeln blitzende Augen dabei zu, wie sie in ihre Hose und ein leichtes Hemd schlüpfte und dann zum Eingang des Zeltes kroch. Eola spähte zwischen den Bahnen hindurch, konnte jedoch niemanden entdecken. Sie schlüpfte leise in die Nacht hinaus. Sie sah sich erneut um und entdeckte schließlich einen Schatten, der ums Zelt gelaufen kam. Der Mond hing zwischen zwei Ästen über dem nicht weit entfernten Wäldchen. Er gab genug Licht ab und Eola stutzte. Sie kannte diese Gestalt.

“Sellen, was machst du denn hier?”

Sellen räusperte sich und sah zu Boden. Eola rollte mit den Augen, trat auf Sellen zu und schob ihn einige Meter weit, bis er von selbst lief und blieb dann stehen, als sie weit genug vom Zelt entfernt waren. Sellen lief noch einige Meter, bevor ihm auffiel, dass sie nicht mehr folgte, dann blieb er stehen, drehte sich um und kam zu ihr zurück.

“Also Sellen, warum schleichst du mitten in der Nacht um das Zelt zweier Damen, hm? Hat man dir nicht beigebracht, dass man sowas nicht macht?”

Sellen lief rot an und fingerte am Saum seiner Tunika. Er war besser gekleidet als sonst zu einer Gelegenheit, bei der Eola ihn gesehen hatte. Sie musste zugeben, dass er im richtigen Licht gar nicht so schlecht aussah. Moment, was dachte sie denn da? Er war mindestens zehn Jahre älter als sie. Aber das hatte andere Lords auch nicht gestört, sich eine junge Braut zu suchen.

“Ich … Mein Vater … Ich wollte schon früher zu euch kommen, aber …”

“Hör auf so herum zu stammeln und bitte hör mit der unnötigen Höflichkeit auf, wir sind Freunde, Sellen, nicht wahr?”

Er nickte, wurde jedoch noch röter.

“Natürlich Eola. Es tut mir leid. Du hast Recht, wir sind Freunde.”

Dabei lächelte er und sie verdrehte erneut die Augen.

“Bilde dir bloß nichts drauf ein.”

“Würde ich doch nie.”

“Also?”

“Ich wollte mich verabschieden. Die Truppen meines Vaters rücken Morgen in Richtung Ayskamm aus.”

Sie nickte.

“Davon habe ich gehört. Der geheime Plan des Königs. Aber warum du? Wer ist dein Vater?”

Sellen zog belustigt eine Augenbraue hoch.

“Der Lord von Rotschilf. Kamm war einer seiner Vasallen, deshalb war ich bei den Truppen des Lord. Mein Vater gab mich als Preis für eine alte Schuld, als Knappen in Lord Kamms Dienste. Aber seit sich die meisten von Lord Kamms Männern versprengt haben, hielt mein Vater es für sicherer, wenn ich seinem Heer beitrete. Wir brechen morgen vor Sonnenaufgang auf. Ich konnte mich erst jetzt wegschleichen.”

Eola runzelte die Stirn und Sellen lächelte. Es war ein trauriges Lächeln.

“Mein Vater traut der Zauberin nicht. Er traut Magiern generell nicht. Vermutlich schickt ihn der König auch deshalb fort. Es ist besser, wenn er bei dem, was auf Talanthre geschehen wird, nicht dabei ist.”

“Aber da ist noch mehr, oder?”

Sellen nickte.

“Er hält dich für schlechten Einfluss. Einige der Lords glauben immer noch, dass du mit dem Feind im Bunde bist.”

“Danke.”

“Wofür?”

“Das du das nicht glaubst und dass du hergekommen bist. Hör zu, das was mit Lord Kamm passiert ist … Ich wollte wirklich nicht …”

Sellen trat einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hand.

“Mach dir bitte keine Vorwürfe. Du bist ein guter Mensch, Eola. Ich weiß, dass du das alles nie mit Absicht getan hättest. Dein Glück, wie praktisch es auch sein mag, hat dafür gesorgt. Ich bin mir sicher, hättest du gewusst, was passieren wird, du hättest es niemals so weit kommen lassen.”

Jetzt war es Eola, die seinem Blick auswich. Sie wusste, dass ihre Wangen ebenfalls etwas mehr Farbe bekommen hatten und verzog verärgert darüber das Gesicht. Vielleicht fühlte sie sich aber auch schuldig, denn sie wusste nicht, ob er Recht hatte. Sie wusste gar nichts mehr so genau, seit Kamm gestorben war. Sie zog ihre Hand fort und Sellen trat wieder einen Schritt zurück. Etwas in seinen Augen ließ Eola innehalten. Er mochte sie wirklich, der Idiot war doch tatsächlich verliebt in sie. Das passierte ihr zum ersten Mal. Männer nahmen sie sonst nicht so wahr, zumindest niemand, dem sie auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit oder Respekt entgegenzubringen bereit war. Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie damit umgehen sollte.

“Ich, äh … Also wie gesagt … Danke, dass du gekommen bist.”

Sellen nickte, dann griff er in eine Tasche an seinem Gürtel und zog einen Gegenstand hervor. Es war ein kleiner heller Stein an einer dünnen Kette und als Sellen ihn ins Mondlicht hielt, fingen sich die weißen Strahlen des Mondes darin. Er war wunderschön.

“Oh”, hauchte sie und Sellen musste grinsen.

“Ich wusste, dass er dir gefällt. Er hat meiner Mutter gehört. Ein Nachalit aus Olentis, sie wachsen nur in der Wüste, deshalb sind sie beinahe weiß im Gegensatz zum Nachalit aus den kaiserlichen Minen.”

“Das kann ich nicht annehmen, du Idiot.”

“Du kannst und wirst. Wenn ich dich schon nie wieder sehe, will ich wenigstens, dass du jedes Mal an mich denkst, wenn du ihn anschaust.”

Er grinste wieder und Eola funkelte ihn böse an, nahm den Stein dann jedoch entgegen und betrachtete ihn genauer. Die Fassung war aus Silber und das feine Band bestand aus unendlich kleinen Ringen, die sich geschmeidig ineinander fügten. 

“Er ist wirklich wunderschön.” Dann runzelte sie jedoch die Stirn und sah ihn an. “Aber was soll das heißen, wenn du mich schon nie wieder siehst?”

Sellen räusperte sich und trat von einem Fuß auf den anderen.

“Was?”

“Ich habe nicht vor zu sterben, aber es wird Krieg geben, Eola. Selbst wenn ich überlebe, glaube ich kaum, dass du dich an mich erinnern wirst. Du bist für größeres bestimmt.”

Eola schnaubte belustigt, doch Sellen sah sie ernst an.

“Das meine ich ernst. Mit deinem Glück wirst du alles erreichen, was du dir je erträumt hast und ich bin nicht dumm. Ich weiß das ich in diesen Träumen nicht verkomme. Das ist okay. Aber ich kann nicht dabei sein.”

Eola wusste, was er sagen wollte.

“Danke. Und es tut mir leid, wirklich.”

Sellen lächelte und strich ihr eine Strähne widerspenstiges Haar aus der Stirn.

“Das muss es nicht. Gehab dich wohl Eola von der Silbersee.”

Eola schluckte und nickte, dann versuchte sie zu grinsen, doch brachte es nur halb zu Stande.

“Du auch Sellen. Du bist zwar eine totale Nervensäge, aber sterb nicht, ja?”

Er nickte, dann ging er davon und ließ Eola mit einem Kloß im Hals zurück. Wütend stampfte sie zurück zum Zelt. Verflucht, warum musste er auch so nett sein. Konnte er nicht wie die anderen Männer sein, grobschlächtig und ohne diese liebevolle Art, die sie so sehr an die Menschen erinnerte, die sie verloren hatte? Ihre Großmutter, Oine, ja selbst Lord Kamm und Kailan. Sie alle hatten sie genommen wie sie war, sie aufgenommen ohne Fragen zu stellen und jetzt waren sie alle tot. Nein, einer von ihnen hatte überlebt. Aber er wollte sie vermutlich niemals wiedersehen. Genau wie Sellen. Bajka saß auf ihrem Lager, als Eola ins Zelt schlüpfte, doch Eola konnte in der Dunkelheit hinter den Stoffbahnen den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht erkennen. Die Zauberin sagte nichts und Eola war dankbar dafür, auch ihr war nicht nach Reden zumute. Stattdessen legte sie sich wieder hin und zog das Bettzeug dicht unter die Nase. Krümel beschwerte sich kurz, als sie ihm den kuscheligen Platz auf dem Kissen streitig machte, doch sie kraulte ihn hinter den Ohren und er schmiegte sich schnurrend an ihre Wange. Eine einsame Träne versickerte im warmen Fell des Dämmerfuchs.  


Am nächsten Morgen, ritt Eola hinten auf Bajkas schwarzem Hengst mit. Nach einer halben Wegstunde setzte die Zauberin sich vom Tross der Wägen ab und lenkte das Pferd auf einen kleinen Feldweg, der zwischen zwei Hügeln hindurch führte. Wenn ihr auffiel, dass Eola wenig redete, sagte sie nichts dazu und irgendwann siegte Eolas Neugier über die Beklemmung.

“Wo reiten wir hin?", fragte sie die Zauberin und Bajka deutete auf einen weiteren Hügel, der sich jetzt aus dem Morgennebel schälte. Am Fuße erkannte Eola einige überwucherte Mauern, die einmal ein prächtiges Bauwerk gewesen sein mussten, denn immer noch erhoben sich hohe Säulen aus dem Dickicht und der Torbogen, auf den sie jetzt zu hielten, stand immer noch. Vielleicht auch durch den Efeu zusammengehalten, der wie kleine Schlange daran empor wuchs.

“Die Schamanen der Hügelstämme, waren immer schon stark mit der Natur und ihrem Land verbunden. Sie haben Tempel errichtet, die dafür gedacht waren, ihren Göttern eine Heimat zu geben.”

“Darüber stand etwas in “Die Geschichte der Hügelvölker”, Nukk, Seihde und Reehn, Fluss, Erde und Nacht, richtig?”

Bajka nickte

“Aber sie haben auch die Geister angerufen und an Orten wie diesen ist ihr magischer Abdruck zurückgeblieben. Wir werden ihn nutzen, um Magie zu wirken.”

Eola musste grinsen.

“Endlich.”

Bajka zügelte den Schwarzen und stieg ab, als sie die Ausläufer der Ruine erreicht hatten. Eola landete im hohen Gras und folgte der Zauberin. Die verblichenen Mauern bestanden aus aufeinander geschichteten Feldstein und Insekten summten und zirpten überall um sie herum. Es war ein beeindruckendes Konzert, das sich ebenso vom Gesang der Vögel speiste, die in den kleinen Birken und Eschen saßen, nicht weit entfernt vom Ruinenberg. Bjaka schlüpfte durch einen weiteren Torbogen, etwas kleiner als der erste und plötzlich standen sie in einem lichten Innenhof. Zwischen den Gräsern blitzen weitere Feldsteine auf und in der Mitte erhob sich eine verwitterte Skulptur. Das Wesen, das sie darstellte, erinnerte entfernt an eine Ziege, hatte jedoch das Gesicht eines Menschen und ging aufrecht. Auf dem Sockel der Statue erkannte sie einige verwaschene Zeichen, Runen. Bajka ging darauf zu und beugte sich hinunter. Dabei strich sie zaghaft mit den Fingern über einige der Zeichen und ein verträumter Ausdruck trat auf ihr Gesicht.

“Über die Magie der Dinge, haben wir ja bereits gesprochen. Sie kann ich dir leicht beibringen. Theoretisch reicht es dafür ein paar Runen zu kennen und zu wissen, wie man sie aktiviert. Doch es gibt noch eine andere Form der Magie. Eine viel tiefere Kraft, die so stark im Leben und der Materie verankert ist, dass eine Rune alleine nicht ausreicht um sie zu kontrollieren. Um auf sie zugreifen zu können, müssen wir uns selbst erkennen und in Einklang mit diesen Strömungen bringen.”

“Ist es das was ihr mit dem Brief gemacht habt?”

Bajka nickte.

Diese Art der Magie ist schwer zu meistern und um einiges gefährlicher als die Magie der Runen. Es gibt einen guten Grund, warum der Kaiser sie verboten hat. Aus Angst vor ihrer Macht hat er sie seinen Magiern entzogen und diejenigen verfolgt, die sie angewandt haben.”

"Sowie die Hexenmeister?”

Bajka nickte.

“Heute ist dieses Wissen verschollen. Selbst die Hexenmeister wussten an ihrem Ende kaum noch etwas über die Hex und selbst zu ihren Hochzeiten haben sie die Macht der Ströme nur selten benutzt. Die Hex ist eine Form der Magie, die nicht zu erlernen ist. Zumindest nicht im klassischen Sinne.”

“Heißen sie deshalb Hexenmeister?"

Bajka nickte.

“Ich werde dir zeigen, wozu die Hex in der Lage ist.” 

Dann ging sie langsam um die Statue in der Mitte des Innenhofes herum. Es musste sich um den Gott Seidhe handeln, nach dem, was Eola über ihn im Buch der Hügelvölker gelesen hatte.

“Damit du verstehst, welche Gefahr es birgt, sich ungeübt und ohne das nötige Wissen an Zauberei zu versuchen. Bevor du fragst, ich werde dir diese Form der Magie nicht beibringen. Sie ist zu gefährlich. Außerdem wissen wir noch zu wenig darüber wie deine eigene Kraft funktioniert. Die Magie des Kanaahn kommt nicht von hier, sie stammt vom vergessenen Kontinent. Die Magie der Schamanen hingegen gehört der Erde, den Flüssen und der Nacht.”

Was auch immer das bedeuten sollte. Eola nickte. Bajka lächelte, dann trat sie vor und schob Eola hinter sich. Sie krempelte die Ärmel hoch und entblößte dabei die Runen auf ihren Unterarmen. Eola sah fasziniert dabei zu, wie sie je eins der Zeichen sachte mit dem Finger streifte und die Runen zu glühen begannen. Wind kam auf und Eola fröstelte, als Bajka die Augen schloss. Lange Zeit geschah einfach nichts. Dann drang Nebel aus den Steinen zu ihren Füßen, kroch ihr in die Kleider, umhüllte sie im Bruchteil von Sekunden völlig. Es war ein anderer Nebel als der des Kaisers, zäh und feucht und beinahe lebendig. Dann schälten sich Gestalten aus dem Dunst. Eine junge Frau rannte direkt auf Eola zu. Sie wollte ausweichen, aber dann lief die Gestalt einfach durch sie hindurch und zerstob zu weißen Schwaden. Schreie wurden laut, Menschen liefen durcheinander, Feuer züngelte an den Mauern um sie herum und Nebelkrieger in glänzenden Rüstungen stießen wie zornige Hornissen unter die Fliehenden. Keine der Gestalten war bewaffnet und wer nicht floh, ergab sich den Schergen des Kaisers. Trotzdem mähten die Krieger sie nieder wie Unkraut, das es zu vernichten galt. Eiskalt lief es Eola den Rücken hinab. Dann war alles beinahe genauso schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Der Nebel zog sich in kleinen Tornados in den Stein zurück, als hätte jemand die Zeit zurück gedreht. Bajka stand immer noch da, die Augen geschlossen, doch ihr Gesicht war jetzt so fahl wie der Nebel selbst, den sie heraufbeschworen hatte. Eola dachte schon, sie müsse gleich zusammenbrechen, denn die Zauberin schwankte leicht hin und her. Dann öffnete sie die Augen.

“Was war das?”, fragte Eola und stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte, seit die Frau im Nebel durch sie hindurch gelaufen war.

“Der Nebel war mein Werk. Ich habe lediglich Wasser aufsteigen lassen.”

“Und die Bilder? Die Gestalten im Nebel?”

“Das war die Hex. An Orten wie diesen ist das was geschehen ist, stark mit ihr Verbunden, tief in der Erde verankert, mit dem Blut dort eingesickert, das vergossen wurde.”

Eola schluckte, dann runzelte Bajka die Stirn und murmelte etwas.

“Verdammt. Es ist noch nicht vorbei. Bleibt zurück, Kind!"

Den letzten Satz zischte sie beinahe und Eola folgte ihrem Blick.

Die Statue direkt vor ihnen, hatte sie sich gerade bewegt? Da war es wieder, Bajka hob eine Hand und berührte eine weitere Rune auf ihrem Oberarm. Das Zeichen glühte auf und im selben Augenblick stieg der Gott von seinem Podest. Der Stein knackte und bröselte, die dunklen Augen fixierten die Zauberin, dann Eola.

“Kchhss. Unwürdige an diesem Ort.” Die Stimme gehörte dem Gott aus Stein. Es klang als würden Felsen übereinander reiben und Bajka fluchte leise.

“Ein Wächter. Ich hätte es wissen müssen.”

Mit langsamen, ruckartigen Bewegungen landete der Wächter im Gras und Bajka berührte eine weitere Rune auf ihrem Handgelenk. Die Luft vor ihnen begann leicht zu flirren und als der Gott aus Stein vorschnellte, prallte seine Kralle an einer unsichtbaren Wand ab. Mehr neugierig als verwirrt, starrte der Wächter auf seinen Arm hinab. Dann griff er erneut an und Bajka wich einen Schritt zurück. Plötzlich hatte Eola einen seltsamen Druck auf den Ohren. Bajka musste etwas mit der Luft angestellt haben und jetzt drückte sie Eola auf die Trollenfelle. Doch Bajka verließ sich nicht allein auf die Verteidigung. Sie hatte immer noch die Hand erhoben und ihre Finger glühten in einem schwachen Rotton. Erneut griff der Wächter an, doch die Zauberin bewegte leicht die linke Hand und die Bewegung des Gottes verlangsamte sich, sie griff mit der rot glühenden Hand nach dem steinernen Arm und das Wesen fauchte gequält. Fasziniert sah Eola dabei zu, wie der Stein um Bajkas Finger herum erst Risse bekam und dann zerplatzte, wie sprödes Glas. Die Risse im Stein zogen sich bis über die Schulter des Wächters, doch er sprang zurück und brachte sich hinter dem Podest, von dem er gestiegen war, in Sicherheit. Bajka ging einen Schritt auf ihn zu und die Rune auf ihrem Unterarm leuchtete erneut auf. Ein Luftstoß traf den Wächter und schleuderte ihn zurück. Doch das Wesen aus Stein war schwer und so reichte sein Gewicht allein aus, das er auf den Beinen blieb. Bajka berührte eine weitere Rune an ihrem Ellenbogen und die Schlingpflanzen am Sockel des Podest begannen sich um die Füße des Wächters zu wickeln. Der steinerne Gott schlug danach, doch die Ranken wuchsen so schnell nach, dass er keine Chance hatte, ihnen zu entkommen. Bald war der Wächter über und über mit den grünen Pflanzen überwuchert und Bajka ließ langsam die Hände sinken. Doch der steinerne Wächter bewegte sich immer noch. Die Ranken würden nicht lange halten. Bevor er sich jedoch losreißen konnte, trat Bajka um das Podest herum und legte die flache Hand auf die Stirn des Seidhe. Der Wächter fauchte und grollte, doch die steinerne Haut bekam bereits Risse. Bajkas Hand glühte so stark wie noch nie und ihr Schweiß rann ihr über die zerfurchte Stirn. Die Runen auf ihrer Haut hatten eine ungesund schwarze Farbe angenommen. Bajka schloss die Augen und erste Brocken lösten sich aus dem Fell am Hals der Statue, dann bekamen auch der Torso und die krummen Beine Risse und schließlich zerfiel der steinerne Wächter in seine Einzelteile. Er gab ein letztes Röcheln von sich, dann zerstoben seine Klauen und der zerfetzte Kopf zu Sand der in einem sanften Schauer zu Füßen der Zauberin niederging. Die Zauberin hielt sich mit gequältem Ausdruck an dem Podest fest, neben dem sie stand und schwankte bedrohlich. Eola lief zu ihr hinüber und stützte sie.

“Es geht gleich wieder”, versuchte Bajka sie zu beruhigen, doch Eola sah sie besorgt an. Die Zauberin zitterte, und ihre Haut war eiskalt. Nur dort, wo die Runen, die sie benutzt hatte schwarz in ihre Haut eingebrannt waren, glühte ihre Haut, schwelte so heiß wie Kohlen.

“Was war das?”, fragte Eola und führte Bajka zu einer der Mauern auf der sie sich niederlassen konnte.

“Ein Wächter. Meine Magie muss ihn geweckt haben. Verstehst du es jetzt, Kind? Die Gefahr, die von der Hex ausgeht?”

Eola nickte.

“Wesen wie der Wächter oder der Alb unter der Burg auf Ärenfels können von einem einfachen Zauber erweckt werden. Du musst nicht einmal die Absicht haben sie zu rufen, die Hex und das Blut der Ahnen, die sie einst erschufen, riechen völlig aus. Orte wie dieser hier sind getränkt in Blut.”

“Dann hat jemand unter der Feste Magie gewirkt? Wie ist das Möglich, der Kaiser hat seine Magie verloren und niemand auf Ärenfels war ein Magier richtig? Sonst hättet ihr ihn gespürt.”

Bajka nickte.

“Es gibt jedoch Mittel und Wege, mit denen selbst unbegabte Menschen Magie wirken können. Bestimmte Gesteine zum Beispiel können Zauber speichern. Jeder kann einen solchen Runenstein benutzen. Der Kaiser selbst hat sie entwickelt, ihre Erschaffung war jedoch eins seiner bestgehütetsten Geheimnisse.”

“Das heißt, wenn jemand auf Ärenfels einen solchen Runenstein benutzt hat, muss er mit dem Kaiser im Bunde sein?”

“Oder einem seiner fähigsten Magier.”

"Dann gibt es tatsächlich einen Verräter unter den Männern des Königs?

Bajka nickte. Sie hatte wieder etwas Farbe dazu gewonnen und richtete sich jetzt langsam wieder auf.

“Ich habe einen Geheimngang gefunden, als Kailan und ich nach dem Kaiser gesucht haben. Einen Gang, der vermutlich bis in die Tunnel unter der Burg geführt haben.”

Bajka runzelte die Stirn.

“Und das war keine Information, die du für erwähnenswert hieltest?” 

Eola seufzte.

“Doch, ich hatte bisher nur keine wirkliche Gelegenheit, euch davon zu erzählen.”

Eole stockte, dann verzog sie leicht die Stirn.

“Vielleicht wollte ich auch einfach nicht darüber nachdenken. Es ist so viel passiert, seit wir gegen den Alb gekämpft haben. Ich habe es einfach vergessen.Außerdem wollte ich niemanden beschuldigen. Ich hab es euch nicht gesagt, weil der Tunnel in den Gemächern der Königinmutter endete. Sie kann einfach keine Verräterin sein. Ich habe mir eingeredet, es gibt bestimmt eine logische Erklärung für all das.”

Bajka strich sich mit abwesendem Blick über die Unterarme, dann krempelte sie vorsichtig die Ärmel über die verbrannte Haut.

“Es war klug diese Information für euch zu behalten. Aber ihr hättet mir früher davon erzählen sollen. Vorerst werden wir nichts unternehmen. Die Königinmutter hat zu viel Einfluss und das Vertrauen ihres Sohnes. Und es besteht immer noch die Chance, das sie anderweitig an den Runenstein gelangt ist, oder ihn gar nicht selbst aktiviert hat. Im besten Falle wusste sie gar nichts von den Tunneln und dem Geheimgang jenseits ihrer Räume.”

“Wie groß ist die Chance dafür?”, wollte Eola wissen und Bajka seuftzt. 

“Nicht besonders groß, wenn ich ehrlich bin.”

Dann wechselte die Zauberin das Thema.

“Was habt ihr gesehen, als ich den Nebel herauf beschworen habe?”

“Da waren Menschen und Krieger des Kaisers. Sie haben sie alle getötet. Das waren nicht nur Schamanen.”

Bajka nickte.

“Ist dasselbe auch auf Veygrad passiert?”

Bajka seufzte und fuhr sich mit zitternden Fingern durchs Haar.

“Ja, aber ich konnte fliehen. Damals war ich gerade mal so alt wie du.”

“Also kann man mit dieser Art der Magie in die Vergangenheit schauen?”

“Die Hex kann uns die Zukunft oder die Vergangenheit zeigen, aber sie lässt sich nicht kontrollieren und wendet sich, wenn du Pech hast gegen dich.”

“Gut, dass ich nie Pech habe”, antwortete Eola und grinste. Bajka warf ihr einen missbilligenden Blick zu.

“Und das, was Kailan und den Männern des Königs zugestoßen ist. Vielleicht wird der Schrecken dich verschonen, aber was ist mit deinen Freunden, was ist mit den Menschen, die du beschützen willst? Du kannst es nicht, das hast du selbst gesagt.”

Eola nickte und wurde rot. Bajka hatte recht. Sie konnte niemanden beschützen, aber genau deshalb musste sie es lernen.

“Also bringt ihr mir nun bei zu zaubern oder nicht?”

Bajka nickte und deutete auf das jetzt leere Podest vor ihnen.

“Schau dir die Runen dort an, die vier Rune der klassischen Elemente: Feuer, Wasser und Erde. Sag mir, welche Rune zu welchem Element gehört.”

Eola suchte auf dem Sockel nach einem Zeichen, das sie mit Feuer verband.

“Die hier”, sagte sie und deutete auf eine verschnörkelte Zickzacklinie.

“Das ist Feuer.”

Bajka nickte.

“Und weiter?”

Zwei Wellen, die von einem mit einem Haken besetzten Strich ausgingen, lagen der Feuerrunen gegenüber. Das war einfach. Sie tippte mit dem Finger auf das entsprechende Zeichen. “Wasser,” dann auf das nächste, “Und das muss Luft sein.”

Sie zeigte auf eine Rune, die wie eine Wolke geformt war. Übrig blieb nur noch ein Zeichen, eine eckige Rune mit nur wenig Schnörkeln. 

“Erde.”

“Sehr gut. Ich will das du sie dir einprägst.”

“Alle?”

Bajka seuftzte.

“Ja alle.”

Dann schürte sie einen kleinen Beutel vom Gürtel und reichte ihn Eola.

“Zeichne damit die Rune für Wasser auf einem der Feldsteine dort drüben.”

Im Beutel befanden sich die Reste eines schwarzen Pulvers.

“Das ist Kohlenstaub, nicht der beste magische Leiter, aber für das was wir vorhaben sollte er ausreichen.”

Eola ging zu den Steinen hinüber, die den kleinen Platz von den Ausläufern des Hügels trennte und kniete sich davor. Dann zeichneten sie die entsprechende Rune. Sie musste mehrmals ansetzen, um die Kohle genügend auf dem Stein zu verteilen und verglich dann ihre Version mit der Rune auf dem Sockel. Bajka trat neben sie und begutachtete ihre Bemühungen.

“Fast. Du hast den Schnörkel unten rechts vergessen. So wird bei ihrer Aktivierung höchsten dein Finger etwas nass.”

Eola nickte und ergänzte den Schnörkel.

“Gut, jetzt lege deine Hand darauf und schließe die Augen. Konzentrieren dich auf etwas nasses oder feuchtes, den Speichel in deinem Mund oder die Feuchtigkeit in der Luft.”

Eola nickte, ihre Kleider waren immer noch feucht vom Nebel, den Bajka beschworen hatte und es fiel ihr nicht schwer, sich darauf zu konzentrieren.

“Du kannst dir eine Rune wie ein Tor vorstellen. Wenn du dich darauf fokussierst, was sie beschwören soll, kannst du danach greifen, nach dem Wasser hinter dem Tor.”

Eola runzelte die Stirn. Der Stein war trocken und der Kohlenstaub unter ihrem Finger fühlte sich wie Sand an. Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie nach Wasser greifen sollte.

“Es funktioniert nicht,” seufzte sie und öffnete wieder die Augen. Bajka warf ihr einen strengen Blick zu.

“Versuch es weiter. Im Stein ist kein Wasser, du musst es durch die Rune hindurch spüren. In der Erde, in der Luft, überall sind kleine Partikel Feuchtigkeit zu finden, du musst nur danach greifen.”

Eola seufzte und schloss erneut die Augen. Sie konzentrieren sich auf die feuchten Kleider am Leib, dann auf die Rune und dann … spürte sie tatsächlich etwas. Es war nicht direkt Wasser, stattdessen hatte Eola das Gefühl die Rune unter ihren Fingers würde sich bewegen und leicht vibrieren. Der Stein unter ihrer Hand wurde wärmer und dann tat sich eine zweite Welt auf. Ihre Haut war plötzlich nicht mehr das, was ihren Körper eingegrenzte, ihre eigenen Gedanken nicht mehr das einzige, das sie wahrnahm und sie wusste jetzt instinktiv, was Bajka gemeint hatte. Sie musste nur zugreifen. Nicht mit ihrer Hand, sondern mit diesem neuen Ich, das sich jenseits ihrer selbst bewegte. Sie spürte das Wasser in der Luft, wie tausend kleine Wassertropfen auf ihrer Haut, die nicht mehr nur an einem Ort war, sondern überall gleichzeitig. Sie war der Raum zwischen den Tropfen und ihre Füße reichten bis in den Boden, berührten kleine Rinnsale aus Wasser und feuchte Erde. Sie streckte die Hände aus, die nicht mehr nur ihre eigenen Hände waren. Es waren Fühler, tausende davon, die sich bis zum Himmel empor streckten und durch die nassen Wolken züngelten, wie gierige kleine Schlangen, die alles Wasser aufsaugten, was sie berührten. Eola griff danach, wie Bajka gesagt hatte, und Kälte durchströmte sie, flüssige kühle Energie, die jeder Winkel ihres grenzenlosen neuen Körpers ausfüllte. Es war berauschend, im wahrsten Sinne des Wortes. Wasser rauchte ihr durch die Adern, die sich über den ganzen Himmel erstreckten. Und dann war es plötzlich vorbei. Sie kippte nach hinten und war wieder in ihrem Körper, der sich jetzt wie ein Gefängnis anfühlte, eingeengt und dunkel. So musste sich ein Blinder fühlen und Eola keuchte auf. Doch um sie herum immer noch taghell. Nur im Vergleich zu dem, was sie gerade gespürt hatte, war es ernüchternd. Sie sah auf in Bajkas besorgtes Gesicht. Die Haare klebten der Zauberin am Kopf und ihre Kleider waren klatschnass. Dann erst spürte Eola selbst die dicken Tropfen auf ihrer Haut. Es regnete, wie aus Kübeln, dabei schien immer noch die Sonne. Eola runzelte die Stirn. War sie das gewesen?

“Geht es dir gut, Kleine?”

Eola nickte, sie fühlte sich immer noch dumpf, etwas ausgelaugt vielleicht, aber insgesamt nicht schlechter als vorher..

“Gut”, antwortete sie, was nur halb der Wahrheit entsprach. Es fühlte sich jetzt so an, als fehlte ihr etwas, von dem sie vorher nicht gewusst hatte, dass es ein Teil von ihr war. Oder besser gesagt, dass sie ein Teil von dem war, das sie gespürt hatte. Denn das Wasser überall um sie herum als einen Teil von ihr zu bezeichnen, wäre wohl größenwahnsinnig. Ein erleichterter Ausdruck trat auf Bajkas Gesicht und sie half Eola auf die Beine. 

“Das war unglaublich. Ich habe die Wolken gespürt, das Wasser im Boden und in der Luft, einfach alles.”

Bajka nickte.

“Es kann überwältigend sein. Aber du hast Glück gehabt. Regen zu beschwören ist keine leichte Sache. Es kostet sehr viel Kraft, Kraft die von irgendwoher kommen muss. Vergiss das nie. Es scheint allerdings so, dass dir Kanaahn auch hierfür seine Kraft leiht.”

Eola grinste.

“Also bin ich mächtig, was?”

Bajka nickte.

“Es macht dich aber auch gefährlich. Sei nächstes Mal vorsichtiger. Bei Wasser kann nicht viel schief gehen, aber hättest du dasselbe mit Feuer angestellt, du hättest gut uns alle beide zu Asche verbrennen können, ohne es zu realisieren. Magie ist kein Spielzeug.”

Eola nickte, konnte jedoch nicht aufhören zu grinsen. Sie hatte tatsächlich Regen gemacht, das war einfach Wahnsinn.