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ein verrirrter Prolog, mit Aussicht auf mehr.

Fabians Prolog  oder “Wie schmeckt eigentlich Kartoffelsuppe?” Im Allgemeinen war es sehr heiß. Es war auch gruselig und schaurig und ab und...

Freitag, 7. März 2025

Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 12



Das Urteil

Die Männer des Königs hatten den Kaiser verhaftet und gegen Bajkas Befehl, hatte man auch Eola in Ketten gelegt, dann jedoch auf ihr Zimmer zurückkehren lassen. Ausgerechnet die Königinmutter hatte dafür Sorge getragen, obwohl Eola sich nicht mehr sicher war, auf wessen Seite sie eigentlich stand. War sie es gewesen, die in den Tunneln gewandert war, wie der Kaiser es angedeutet hatte, oder nutzte man ihre Gemächer lediglich als Eingang zu den Tunneln. Nach ihrer Flucht mit Kailan hatte man ihr Zimmer verriegelt. Wirklich schlafen konnte sie nicht. Eola glitt zwar kurz vor Tagesanbruch in einen leichten Dämmerzustand, aber ihr Schlaf war unruhig und kurz. Am Morgen hatte man sie unsanft geweckt und in ein neues Kleid gesteckt, ihr ein Bad jedoch verwehrt. Dabei hätte sie wirklich ein nötig gehabt, wie ihr Bajkas gerümpfte Miene verriet, als sie zusammen mit der Zauberin in den Thronsaal geführt wurde. Die Morgensonne fiel durch die hohen Fenster und warf Streifen auf die hohe Treppe. Der König stand mit einigen Männern am Rand des Saals und unterhielt sich leise. Sonst war es bis auf das Säuseln der Winde im Dach unheimlich still. Anspannung lag in der Luft.

“Ihr werdet unter keinen Umständen direkte Worte an den König richten. Überlasst das Reden einfach mir, verstanden?”, hatte Bajka sie instruiert, bevor sie den Thronsaal betreten hatten. Eola hatte genickt und sich dann nach Kailan und Sellen erkundigt.

“Dem Jungen geht es gut. Was die rechte Hand des Lord Kamm betrifft. Er wurde schwer verletzt, aber in den besten Händen.”

Eola konnte nur hoffen, dass sie damit ihre eigenen meinte. Sie fröstelte, als man sie vor die hohe Treppe führte. Dann lief der König an ihnen vorbei und ließ sich auf seinen Thron sinken. Er sah müde aus, blass und seine Finger fuhren im nervösen Rhythmus über die Lehnen des hohen Stuhls. Er hatte seinen Vertrauten verloren. Eola hatte Lord Fremms Leiche in den Tunneln gesehen. Der Anblick seines vom Körper getrennten Kopfes hatte sie selbst im Schlaf noch verfolgt. Neben der Königinmutter und den übrigen Lords und Ladys, die Eola bereits während ihrem ersten Abend auf der Burg kennengelernt hatte, waren da noch zwei neue Gesichte. Einer von ihnen musste zu Geiz Männern gehören, denn er trug dieselben Farben und das Wappen des Lord, ein Schild vor einem Hügel. Es war ganz sicher ein Lord, mit kurzem rotblondem Haar und einem sauber gestutzten Bart. Seine braunen Augen folgten Eola wachsam. Er trug Rüstung und Schwert, obwohl er hier wohl kaum mit einem Angriff zu rechnen hatte. Das zweite Gesicht gehörte einem jungen Schönling mit blonder Mähne und einem sanften Lächeln. Er trug Kleider eines Lords, ebenfalls grün und hatte nur Augen für den König.

“Lasst uns das hier schnell hinter uns bringen”, erhob Lord Eolin jetzt das Wort. “Ich muss demnächst einen Krieg führen.” Dabei lächelte er schwach und nickte einem der Gardisten zu. Die Türen zum Thronsaal öffneten sich und Lord Kamm wurde hereingeführt. Eola runzelte die Stirn. Warum lag er noch in Ketten?

“Ich habe entschieden, das hier anwesende Mädchen.” Dabei bedachte der König sie eines kurzen Blicks. “Wie heißt sie noch gleich?”

“Eola”, sagte Eola.

“Eola von der Silbersee.”

Bajka warf ihr einen bösen Blick zu, doch der König lächelte.

“Danke. Ich habe also beschlossen, sie zu begnadigen.”

Der Krieger, von dem Eola glaubte, es müsse sich um den Sohn des Lord Geiz handeln, wollte protestieren, doch Lord Eolin hob die Hand und er verstummte.

“Ihre Worte haben sich als wahr herausgestellt. Wir sind dem Kaiser der Nebelreiche habhaft werden können und das haben wir Eola zu verdanken. Hiermit sei meine Schuld dir gegenüber beglichen.” 

König Eolin nickte ihr zu, dann wandte er sich dem Sohn des Lord Geiz zu.

"Ich bin mir jedoch bewusst, dass der Tod einer meiner treuesten Lords immer noch ungesühnt ist.” 

Eolin machte eine Pause und der junge Lord Geiz trat vor. 

“Euer Wille ist es, sie zu verschonen. Meiner ist es, meinen Vater zu rächen.”

Der König nickte.

“Und doch ist dieses Mädchen noch beinahe ein Kind. Der Gerechtigkeit muss Genüge getan werden, aber wer sind wir, wenn wir Kinder hinrichten? Dann sind wir nicht besser als der Kaiser.”

Zustimmendes Gemurmel wurde laut und kurz zuckte Zorn über das Gesicht des jungen Lord in der prächtigen Rüstung.

“Was schlagt ihr also vor Lord König?”

Der König wies auf Kamm.

“Der Lord von Riedhalm nahm das Mädchen in seinem Lager auf. Wie ihr seht, ist er bereits verhaftet worden. Die Verantwortung über diejenigen, denen wir vertrauen, die wir in unserem Lager aufnehmen, wiegt schwer. Lord Kamm hätte sich dieser Verantwortung bewusst sein müssen. Jeder Lord, ihr alle hier, tragt eine solche Verantwortung.”

Lord Kamm hatte stolz den Kopf erhoben und selbst als man ihn so demütigte, sank sein Kinn keinen Millimeter. Eola wollte etwas sagen, doch Bajka legte ihr eine Hand auf die Schulter und zischte ihr ins Ohr.

"Ihr seid still Kind. Die Erwachsenen reden.” 

Eola knirschte mit den Zähnen, sagte jedoch nichts. Das ganze war ausgemachter Unsinn. Niemand war am Tod des Lord Geiz Schuld, außer er selbst und erst recht nicht Lord Kamm.

“Ich werde euch, Lord Elken, die Entscheidung überlassen, was mit dem schuldigen Lord geschehen soll. Allerdings appelliere ich an eure Gnade. Lord Kamm ist ein guter Mann, ehrenhafter und hat mir stets treu gedient.”

Lord Elken nickte und verbeugte sich.

“Danke, Lord König. Ich höre euren Appell. Allerdings kann der Tod nur mit einem gesühnt werden. So ist es brauch in den Hügelländern.”

Der König seufzte.

“Ich hatte befürchtet, dass ihr das sagt.”

“Der Lord Kamm muss für seine Verfehlungen hängen, Lord König. Es führt kein Weg daran vorbei. Nur dann wird mein Vater in Frieden ruhen.”

Eola schnaubte, sie konnte sich nicht länger zurückhalten.

“Es war ein Unfall. Seine eigene verdammte Schuld. Ihr hängt einen Mann, der zehnmal besser war als Geiz. Das hier ist keine Gerechtigkeit, sondern bloße Willkür.”

Lord Elken fuhr zu ihr herum und funkelte sie an.

“Ihr solltet eure Zunge hüten. Sonst schneid ich sie euch…”

“Ruhe!”, rief der König. Er war aufgestanden und Zorn stand in seinem Gesicht.

“Bringt eure neue Schülerin zum Schweigen Zauberin. Sie scheint vergessen zu haben, mit wem sie spricht.”

"Oh, ich weiß genau, mit wem ich spreche. Einem Feigling von einem König, der vor dem Zorn seiner Lords in Angst verfällt. Einem König, der nicht weiß was unter seiner eigenen Burg geschieht. Bevor ich euch den Kaiser geliefert habe, habt ihr vor ein paar Worten auf Papier gezittert.”

Die Augen des Königs hatten sich zu Schlitzen verengt, doch Eola kam gerade erst in Fahrt.

“Ihr zieht den Sohn eines Mannes, der sich im Rausch in seinen eigenen Dolch stürzt, dem eines Mannes vor, der ohne zu zögern hilft, wenn jemand in Not ist. Eure eigenen Mutter…”

Weiter kam sie nicht, denn Bajka trat jetzt vor sie und verpasste ihr eine Ohrfeige, die es in sich hatte. Ihr Kopf wurde zur Seite gerissen und es klingelte ihren in den Ohren. Eola konnte spüren, wie ihr Gesicht rot anlief. Yahre hatte ihr Zeit ihres Lebens zwei Ohrfeigen verpasst. Einmal als sie über Bord gegangen war, weil sie auf den höchsten Mast geklettert war und dann als sie Eola beim Klauen erwischt hatte, nicht etwa bei Landratten oder bei einem der Marktgänge, auf denen ihr Yhare selbst das Stehlen beibrachte, sondern bei einem ihrer Maat, der sie immer gut behandelt hatte. Sie alle verblassten gegen diese. Eola starrte die Zauberin ungläubig an, doch im schönen Gesicht der Lady stand keine Wut oder Zorn, nur Enttäuschung. Es traf sie tiefer, als wenn sie ihr ins Gesicht gespuckt hätte. 

“Eure Entscheidung ehrt mich, Lord. Und die Kleine auch. Ich werde ihr die Flausen noch austreiben.”

“Flausen?”, fragte Lord Elken. “Für diese Anmaßungen sollte sie hart bestraft werden, Zauberin.” 

Bajka zog eine Augenbraue hoch und sah einmal an dem Lord auf und ab.

“Sie steht ab heute unter meinem Schutz und ich werde selber entscheiden, wie ich meine Schülerin bestrafe.”

Lord Elken grinste.

“Natürlich Grabmutter.”

Bajka zuckte nur ganz leicht zusammen und von einiger Entfernung hatte man es vermutlich gar nicht bemerkt, aber Eola sah es und runzelte die Stirn. Sie war sich sicher, dass Lord Elken wusste, dass er sie damit beleidigte. Eolin seufzte und straffte die Schultern.

“Nun gut. Ich hoffe, sie ist es wert, Milady. Als nächstes möchte ich mich dem zuwenden, was uns allen bevorsteht. Die Macht des Kaisers ist gebrochen. Wir haben Grund zur Annahme, dass seine Oligarchen fürchten, die Kontrolle über die Akademie zu verlieren. Unsere Zauberin hat einen Plan, die Magier auf unsere Seite zu ziehen.”

Bajka nickte, sagte jedoch nichts dazu.

“Ihr hüllt euch also weiter in Schweigen, meinetwegen. Ich vertraue euch. Eurem Urteil haben wir es zu verdanken, dass der Kaiser in unserem Kerker sitzt. Ich möchte, dass ihr das Verhör übernehmt, Lady Bajka.”

“Natürlich, Lord”, sie deutete einen Knicks an.

“Dann seid ihr entschuldigt. Ich muss mit Lord Elken unter vier Augen sprechen.”

“Natürlich, Lord”, wiederholte Bajka, dann wandte sie sich um und schob Eola vor sich her zur Tür.


“Das kann doch nicht Sein ernst sein, Lord Kamm hat nichts verbrochen, er ist unschuldig, sie können ihn doch nicht einfach hängen. Das dürfen sie nicht.”

Bajka seufzte.

“Und ob er das kann, er ist schließlich der König, Liebes. Und jetzt hör auf hier unruhig hin und her zu stromern, du machst mich ganz nervöse.”

Eola blieb stehen und sah Bajka an. Sie hatte hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen und die Ärmel ihres schwarzen Kleides hochgekrempelt. Darunter waren wieder die Runen zum Vorschein gekommen, die Eola auch bei ihrem ersten Treffen bemerkt hatte, in blasser Tinte, nur schienen es andere als am Tag ihrer ersten Begegnung.

“Und was gedenkt ihr dagegen zu unternehmen?”

Bajka beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Tisch, während sie ihr Kinn sacht aus den gefalteten Händen ablegte.

“Gar nichts. Ich unterstütze die Entscheidung des Königs. Erstens ist das Haus Riedhalm für unsere Bemühungen weniger wichtig als das Haus Geiz und zweitens bleibst du dadurch am Leben. Du solltet dem König dankbar sein, dass er Gnade walten lässt.”

“Gnade? Ich soll dankbar sein? Ihr habt gut reden. Wenn sie Lord Kamm hängen, bin ich daran Schuld.”

“Richtig. Und du tätest gut daran, sein Opfer zu würdigen, anstatt es mit Füßen zu treten, indem du denjenigen beleidigst, der dich verschont hat.”

Eola schnaubte und begann erneut im Zimmer der Zauberin auf und ab zu laufen.

“Ich kann nicht… Ich muss etwas unternehmen. Er darf nicht sterben… Nicht noch mal.”

Bajka runzelte die Stirn.

“Links und rechts von mir sterben die Menschen die mir wichtig sind wie die Fliegen, aber ich überlebe? Ich profitiere davon, dass sie leiden? Das ist nicht richtig, nicht fair.”

“Das Leben ist nicht fair, Eola. Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit oder irgendeine kosmische Ordnung, die Dinge ins Gleichgewicht bringt. Vielleicht ist es das, was euer Glück euch lehren will, denn es soll meine erste Lektion sein.”

“Mein Glück …”

"Ja, ich weiß davon. Es ist mir klar geworde, als ich versucht habe zu sehen, was auf Madiskat passiert ist. Du warst dort und erst habe ich die Gerüchte für Lügen gehalten. Niemand hat mehr einen Drachen gesehen, seit die Hexenmeister am Pass bei Eiblingen gegen die Nebligen gekämpft haben. Aber als ich versucht habe in deine Zukunft zu schauen, in deine Gedanken, um herauszufinden, ob du die Wahrheit sagst, konnte ich es nicht mehr von der Hand weisen. Ihr seid eine Auserwählte des Kanaahn und damit vom Glück verfolgt. Das ist der Grund, warum ihr in meinen Visionen nicht auftaucht.”

“Warum der Alb mich nicht sehen konnte.”

Bajka nickte. “Richtig. Aber jeder Segen birgt auch den Fluch, das haben meine Vorfahren bereits erkannt.”

“Ich kann Lord Kamm nicht retten, so wie ich meine Großmutter nicht retten konnte und…”

Sie brach ab. Irgendetwas hielt sie davon ab, der Zauberin von Oine zu erzählen.

“Es tut mir leid, Kind. Ich weiß wie es ist, andere ins Leid zu stürzen, vermutlich weiß ich es besser als sonst irgendjemand. Aber im Gegensatz zu dir weis ich auch, wie es ist, selbst zu leiden. Du solltet froh sein, nur eins dieser Leiden zu kennen.”

“Welches davon ist das Größere?”

“Das kommt ganz drauf an.” Bajka lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und wirkte auf einmal sehr viel älter als sie aussah. “Das größte Leid fügen wir denjenigen zu, denen wir am nächsten stehen. Wenn ich dir einen Rat geben soll, achtet darauf, niemandem zu nahe zu kommen, das macht es einfacher.”


~


Kailan schwebte in traumloser Dunkelheit. Er hörte Stimmen von Fern, die er nicht zuordnen konnte, dann vernahm er Worte, die er kannte.

“Ich, ausgerechnet Ich, ein Lord? Was denkt der König sich nur dabei?”

Kailan musste lächeln und saß plötzlich wieder mit seinem Freund auf der steinernen Terasse in Riedhalm. Hinter ihnen das Herrenhaus der Familie Kamm und vor ihnen die sanften Hügel seiner Heimat.

"Jetzt stellt euch nicht so an. Ehre eurem Hause, ist es nicht das, was euer Vater immer für euch wollte.”

Kamm schnaubte belustigt.

“Was braucht mein Haus denn Ehre. Ich verdiene sie mir lieber im Kampf.”

“Aha?”, Kailan zog eine Augenbraue hinauf. “Welche Kämpfe denn? Das Haus Kamm ist neutral, es hat weder auf den Pass bei Eiblingen gekämpft, noch in einer der Schlachten die folgten.”

“Und das wird hoffentlich noch viele Jahre lang so bleiben. Ich meinte ja auch, wenn ich mir Ehre machen wollte.”

“Also sind die Wünsche eures Vaters euch egal?”

Kamm lachte. “Scheint ganz so. Gut, dass er im Grabe liegt. Friede seiner Seele.”

“Ich meine, ich höre ihn sich grad umdrehen”, scherzte Kailan.

“Bei allen guten Geistern, hoffentlich nicht, sonst weckt er noch Mutter und die beschallt direkt den ganzen Friedhof.”

Kailan schüttelte leicht den Kopf und nahm einen Schluck von seinem Honigbier. Es gab das Beste davon in Riedhalm und Kamm war mächtig stolz auf seine Bienenzucht.

“Lord Kamm, daran werde ich mich wohl erst gewöhnen müssen.”

Sein Freund nickte und wurde wieder ernst.

"Hoffen wir, dass es nichts mit den wachsenden Unruhen zu tun hat. Ich befürchte fast, wir können unsere Unabhängigkeit nicht mehr lange wahren.”

“Ihr macht euch wie immer zu viel Sorgen. Die Unruhen gehen vorbei. Man kann ja über den Kaiser sagen, was man will, aber er hat dem Land einen Frieden geschenkt, der bereits lange währt. Er wird noch ein paar Jahre länger halten, da bin ich mir sicher.”


Kailan fuhr hoch und setzte sich im Bett auf. Seine Schulter pochte dumpf und seinen Arm spürte er kaum. Sie mussten ihm ein betäubendes Mittel gegeben haben. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn in Watte gepackt. Er griff mit zitternden Händen nach der Schüssel neben seinem Bett und wusch sich umständlich das Gesicht. Er konnte den linken Arm nicht richtig bewegen. Trotzdem war er am Leben, was beinahe an ein Wunder grenzte. Oder Zauberei? Vorsichtig stellte er einen Fuß auf den Boden und versuchte aufzustehen. Er schwankte, hielt sich am Nachttisch fest und riss dabei die Waschschüssel um. Es polterte und deren Inhalt ergoss sich über den Boden und seine nackten Füße. Wo waren seine Sachen? Sein Schwert war beim Kampf mit dem Alb zerstört worden, aber weder sein Kettenhemd, noch der Dolch, den Lord Kamm ihm geschenkt hatte, waren irgendwo zu sehen. Da kam eine Dienerin ins Zimmer geeilt und sah ihn mit geweiteten Augen an.

“Herr, ihr müsst im Bett bleiben, die Lady hat gesagt …”

“Meine Sachen? Wo zum Schwanz einer Halmkuh sind meine Sachen, verflucht?"

Es war eine ironische Bemerkung, Halmkühe hatten keinen Schwanz, keinen am Bauch und auch keinen am Hintern, nur dicke Zitzen, aus denen sie die bitterste Milch gaben, die im Königreich je in Becher geflossen war.

“Es tut mir leid, Herr, sie haben sie mitgenommen. Euer Lord er …”

“Was ist mit ihm? Spuckt schon aus.”

Doch die Dienerin schüttelte bloß hochrot den Kopf und eilte aus dem Zimmer. Vermutlich um die Lady zu holen, die ihn hier einquartiert hatte. Bei der Erwähnung von Kamms Namen hatte sich ein unwohles Gefühl in Kailans Brust breit gemacht. Es breitete sich darin aus wie ein ungesundes Geschwür. Er humpelte zur Tür, stieß sie auf und stolperte auf den Flur. Die Welt schwankte leicht und er sackte mit der Schulter gegen die Wand. Dann stieß er sich wieder davon ab und taumelte weiter den Flur entlang. Er begegnete nur wenigen Dienern. Das Krankenzimmer lag im Erdgeschoss der Burg und vor den Flügeltüren, die in den Burghof führten, hatte sich eine Traube Diener versammelt. Er stieß jemanden fort, der ihn stützen wollte. Das Getuschel der Diener gefiel ihm nicht, warum starrten sie ihn alle an? Weil er halb nackt und verwundet über den Gang stolperte? Vielleicht … Hoffentlich …

“Lasst mich durch!”, stieß er in krächzendem Ton hervor. Er hatte kurz einen Blick auf den Burghof erhascht und seine Kehle schnürte sich zusammen. Ein Lord kam ihm entgegen, der ihm entfernt bekannt vorkam. Er wollte Kailan aufhalten, doch dieser stieß ihn wütend vor die Brust. Hinter dem Mann wehte etwas im Wind. Ein Strick an einem hölzernen Balken, daran eine schwankende Leiche. Kailan stürzte, als er die wenigen Treppenstufen in den Hof nahm und landete im Dreck vor dem eisenbeschlagenen Tor. Er sah auf und seine Eingeweide verkrampften sich. Mit leerem Blick starrte ihm Lord Kamm entgegen. Seine Augen rot unterlaufen, das Gesicht geschwollen, die Glieder im Todeskampf verrenkt. 

Nein! Das konnte nicht sein, er hatte ihnen den Kaiser gebracht, oder nicht? Er war fast gestorben, für diesen verfluchten König und seinen Krieg. Kailan wollte aufstehen, doch rutschte weg. Seine Beine wollten ihn nicht tragen. Er hatte versagt.


~


Die Truppen rückten zum Nachmittag aus. Bis zur Abenddämmerung hatten sie Riedhalm erreicht. Es lag nicht weit von Ärenfels aber war bis zum Falle des Kaisers unabhängig geblieben. Nicht so die Länder dahinter, sie hatten gegen den Kaiser rebellierte, mehrfach und hatten verloren, wieder und wieder. Die Ankunft des Königs würde sie auf ihre Seite ziehen. So hatte Bajka es ihr erklärt. Eola saß auf der Ladekante einer der Wagen und schaukelte mit den Beinen, während die Burg in die Ferne rückte. Sie hatte endlich erreicht, wozu sie hergekommen war und beinahe froh, den Ahnenfels endlich hinter sich zu lassen. Zu viel war dort passiert, das sie am liebsten vergessen wollte. Eola hatte nicht mehr mit Kailan gesprochen, bevor sie ausgerückt waren. Sie wusste nicht einmal, wo er sich jetzt gerade befand. Hätte sie überhaupt Worte gefunden, für das, was passiert war? Was sagte man zu jemandem, der alles verloren hatte, nur damit man selbst das bekam, was man sich in den Kopf gesetzt hatte. Eola wusste es nicht. Sie hätte Bajka fragen können, schließlich war sie jetzt so etwas wie ihre Mentorin. Sie wusste Dinge, das war unbestreitbar. Aber ihr letztes Gespräch hatte ihr gezeigt, dass auch Bajka von Veysgrad nicht alles wusste. Die Zauberin war eine einsame Frau, da war sich Eola sicher. Wollte sie überhaupt werden wie sie? Die Landschaft zog vorbei, Felsen und Wald wurden von sanften Hügel abgelöst, die in der Abendsonne gelb leuchteten. Die Graslande lagen im Osten und im Westen glitten die fernen Berge vorbei. Irgendwo dort musste der Ayskamm liegen, von dem Lady Roswyna ihr erzählt hatte. Der Pass dort gehörte zum Plan des Königs, die Hauptstadt einzunehmen. Aber das alles hing davon ab, ob Bajka in Talanthre Erfolg hatte. Die Stadt der Magier lag im Norden, zwanzig Meilen vor der Hauptstadt und siebzehn hinter Riedehalm. Bis dahin hatte sie eine Menge Zeit, von Bajka zu lernen. Nur dass die Zauberin sich weigerte, ihr etwas beizubringen, solange sie nicht mit den Büchern fertig war, die sie ihr gegeben hatte. Also ließ sie die Berge, Berge sein und griff nach dem Buch, das sie bereits im Turm der Burg angefangen hatte. Nach einer Stunde Wegfahrt und hatte sie nur fünf Seiten geschafft und gab entnervt auf. Der Text war so kompliziert geschrieben, dass Eola sich fragte, ob er überhaupt dafür da war, dass man etwas daraus lernt. Ihr schien es vielmehr so, als bestand der einzige Sinn und Zweck der Wörter darin, den Leser in den Wahnsinn zu treiben. Krümel streckte schläfrig das Köpfchen aus einem Sack mit Nüssen, die sie für ihn bei einem Händler gekauft hatte. Er hatte sich erst lautstark beschwert, dass es kein Kuchen war, sich dann doch noch das Bäuchlein voll geschlagen und war schließlich darin eingeschlafen. Sie kraulte ihm zwischen den Ohren und sah dann zu dem Reiter auf, der sich dem Wagen näherte. Die Zauberin trug schwarze Reitkleider mit einem dunkelblauen Überwurf und schwarzen Hosen. Eola fragte sich, ob ihr darin nicht viel zu warm war, aber Bajka von Veysgrad wirkte so ausgeruht wie zu Beginn der Reise..

“Ich werde mit dem König vorweg reiten und die Ankunft in Riedhalm vorbereiten. Du bleibst bei den Wagen.”

“Warum muss ich bei den Wagen bleiben? Ich will mit euch kommen.”

“Eola!”, sagte sie streng. “Ich diskutiere nicht mit dir. Gewöhne dich besser daran meinen Befehlen ohne Widerworten zu folgen, sonst setze ich dich am nächsten Wegstein aus. Vestanden?”

Eola murrte etwas, doch die Zauberin wartete nicht auf eine Antwort. Sie schnalzte mit der Zunge und ihr schwarzer Hengst zog am Wagen vorbei. Eola seufzte und wandte sich wieder Krümel zu.

“Das sagt sie nur so. Sie wird uns nicht zurücklassen. Dafür sind wir beide viel zu niedlich.”

Als die Sonne schließlich am Horizont verschwand und rote Schlieren über den Hügel zurück ließ, wurden endlich Rufe laut. Sie hatten Riedhalm erreicht. Eola sprang vom Wagen, bevor dieser in die Stadt rollte und lief zu Fuß hinterher. Sie wollte sich etwas die Beine vertreten und sah vom Wagen aus kaum etwas. Dann runzelte sie jedoch die Stirn. Riedhalm war nicht groß. Eine Ansammlung Hütten und Bauernhöfe, dazu ein Gehofft und ein kleines Anwesen im Norden. Westlich davon erhoben sich sanfte Hügel und in deren Schatten ein ganzes Meer an Zelten. Der König konnte so schnell noch kein Lager errichtet haben, alles dafür war in den Wagen verstaut. Nein, das hier war ein unbekanntes Heer, noch jemanden, der die Gunst der Stunde nutzen wollte? Bajka hatte nichts davon gesagt, dass sie in Riedhalm weitere Verbündete treffen würden. Sie musste lächeln, vielleicht färbte ihr Glück ja doch noch auf andere ab und dieses Herr würde ihnen beistehen. Und wenn nicht, wurde es immerhin nicht langweilig.


Die Zauberin; Das Glückskind: Gentilis; Kapitel 11


Der Alb


Sie hörte die Stimmen der Gardisten zuerst, dann das Gebell der Hunde und schließlich drang Fackelschein durch die Bäume. Eola zog sich in den Eingang der Höhle zurück. Sie suchten nach ihr, die Fackelträger liefen in Reihen durch die Bäume und leuchteten jeden Meter aus.

“Die Hund haben eine Spur”, rief jemand, dann erklang die Stimme des Leutnant,

“Der König will sie lebend, aber er hat nicht gesagt, dass sie nicht verletzt werden dürfen.”

"Verstanden Lord, lasst die Hunde los! Hetzen wir sie ein bisschen.”

Gelächter wurde laut. Eola schob sich durch den Eingang in die Höhle und wartete nicht ab, bis sie sie gefunden hatte. Zum Glück hatte sie noch die Zündhölzer, die im Geheimraum gelegen hatten und als sie um die erste Biegung war, entzündete sie eins davon. Es brannte schnell herunter, ein sanfter Luftzug wehte durch die Tunnel in Richtung des Eingangs. Das Bellen der Hunde wurde immer leiser, doch Eola war sich sicher, dass sie den engen Zugang erreicht haben mussten. Warum folgten sie ihr nicht? Das Zündholz erlosch und sie stand im Dunkeln. Sie wollte nicht gleich alle verbrauchen und so tastete sie sich weiter die Wände entlang. Die Tunnel konnten nur tiefer hineinführen und sobald sie sich sicher war, die Gardisten abgehängt zu haben, konnte sie sich immer noch orientieren. Fünf Minuten später stellte sie fest, dass sie sich darauf vielleicht nicht hätte verlassen sollen. Eola hörte keine Gardisten hinter sich im Gang, doch als sie das nächste Zündholz ansteckte, stellte sie fest, dass sie sich in einer Sackgasse befand. Sie lief den Gang zurück und als sie eine Kreuzung erreichte, erlosch der zweite Spahn bereits. Sie tastete sich den Gang vorwärts, von dem sie meinte, er führte in eine andere Richtung als die, aus der sie gekommen war. Jetzt hörte sie die Gardisten doch. Sie waren direkt hinter ihr.

Eola beschleunigte ihren Schritt, stolperte, doch hatte die Wand im Rücken. Ihre Schritte hallten laut in ihren Ohren, vermutlich lauter als sie eigentlich waren, aber ihr Herz klopfte trotzdem bis zum Hals. In der Dunkelheit wurde jedes Geräusch überdeutlich, die Schritte der Gardisten schienen ganz nah, der Wind im Gang ein leises Säuseln, schien ihr wie Stimmen der Geister. Dann verschwand die Wand unter ihren Händen und sie stolperte in einen großen Raum. Von irgendwo über ihr schien Licht. Bevor sie sich umsehen konnte, wurden hinter ihr Schreie laut, die ich Echos durch die Windungen der Tunnel brandeten. Das Kreischen von Stahl folgte, dann ein Brüllen wie von einer verwundeten Bestie. Sie fuhr herum und wich zurück, starrte mit aufgerissenen Augen auf den Tunneleingang vor ihr, ein Loch aus Dunkelheit. Da erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr und Eole fuhr erneut herum.

“Du hast dir Zeit gelassen”, sagte der Kaiser. Er stand mitten im Raum, vom sanften Lichtschein über ihnen erleuchtet. Er wirkte noch älter als das letzte Mal, das Eola ihn gesehen hatte, im Kerker und jetzt erkannte sie, woher das Licht über ihnen kam. Die eisernen runden Gitter hatte sie auch in ihrer Zelle gesehen, nur von oben.

“Was ist da draußen los? Was habt ihr getan?”

Der Kaiser hob beschwichtigend die Hände. Der Raum war nicht groß, es gab keine Gräber oder große Denkmäler, es musste sich um einen anderen Raum handeln als die Grabkammern. 

“Ich habe gar nichts getan. Es gibt noch andere, die hier unten wandeln. Ich habe die Schrecken nur geweckt, die bereits im Schatten hausten.”

Eola sah ihn skeptisch an. Der Kaiser trat einen Schritt auf sie zu und ein Kribbeln in ihrem Nacken, ließ Eola zurückweichen. Die Schreie hinter ihr wurden leiser und schließlich war es wieder unheimlich still.

“Was habt ihr getan?”, wiederholte sie im Flüsterton.

“Hört mir zu, Kind. Ich will dir helfen. Wie ich schon sagte.”

Eola wurde wütend.

“Dann ruft dieses Monster zurück!”

Er schüttelte langsam den Kopf.

“Das kann ich nicht. Einen Albtraum wie diesen kann man nicht aufhalten. Du willst wirklich bei der Zauberin in die Lehre? Nachdem was ich dir über sie gesagt habe?”

Eola nickte und der Kaiser seufzte.

“Nagut, dann werde ich mit dir zum König kommen. Deinem Glück habe ich eh nichts entgegenzusetzen.”

“Und was ist mit diesem Monster? Was ist mit Kailan? Lord Kamms Männern? Wir müssen sie retten.”

Der Kaiser schüttelte traurig den Kopf.

“Sie sind bereits tod. Selbst wenn sie noch atmen. Ein Alb verschont keine Beute, die er einmal gewittert hat.”

“Ein Alb?”, fragte Eola. Der Kaiser nickte und trat noch einen Schritt näher.

"Wesen, die aus Hass und Verzweiflung der Menschen entstehen. Hier gab es viel davon und daran war ich nicht ganz unbeteiligt. Als die Stämme der Hügelländer sich nicht unterwerfen wollten, habe ich meine Nebel geschickt.”

Eola hatte die Geschichten gehört. Es gab verschiedene Erzählungen, was die Nebel des Kaisers alles vermochten, welches Leid sie verursacht hatten.

“Sie haben sich der Einheit widersetzt, die ich ihnen schenken wollte. Selbst untereinander haben sie sich bekriegt und ich wusste, dass ich diese Uneinigkeit nutzen konnte. Also drangen meine Nebel in ihre Köpfe ein und entfachten ein Feuer, das heiß und zerstörerisch brannte.”

Der Kaiser machte eine Pause und Trauer stand auf seinem Gesicht. Fühlte er etwa wirklich mit denen, die er vernichtet hatte?

“Ich wollte nie, dass es so weit kommt. Einer der Stämme, aus den Bergen, stellte sich gegen die Schamanen der Ahnenhügel. Die Bewohner der Hügelländer hatten sie einst in die eisigen Berge verbannt und sie sannen bereits auf Rache, bevor meine Nebel sie erreichten. Trotzdem mache ich mir Vorwürfe. Ich hätte es wissen müssen. Ich habe ihren Hass gespürt. Meine Nebel haben mir zugetragen, was ihnen vorschwebte, aber ich habe zu spät erkannt, was das bedeuten würde.”

Eola schnaubte.

“Ihr habt kein Recht, euch schuldig zu fühlen. Ihr habt alles ausgelöscht, was euch im Weg stand. Ihr selbst, seid der Hass, der die Welt zerfrisst.”

Der Kaiser nickte.

“Vielleicht. Aber ich habe damals gedacht, mein Traum von einem geeinten Reich sei es Wert. Etwas, das ich mittlerweile bereue. Unsere Unterschiede machen uns erst zu Menschen. Ich habe versucht, alles zu unterdrücken, das anders war, von dem ich vermutet habe, es könnte eine Gefahr darstellen. Aber Leid und  Tod gehören genauso zu dieser Welt, wie alles auch Gute in ihr. Es macht das Leben erst lebenswert. Mein alter Freund hat versucht, mich das zu lehren, aber erst jetzt verstehe ich es wirklich.”

“Ihr meint Oine, ihr habt ihn getötet. Seine Lehren waren an euch verschwendet.”

Der Kaiser stieß ein trockenes Lachen aus. 

“Und trotzdem hat er mich bis zu seinem Tot nicht aufgegeben. Der Gesandte war ein besserer Mensch als wir beide zusammen. Aber vielleicht können wir zusammen einen halbwegs vernünftigen Oine abgeben.”

Damit trat er noch einen Schritt auf sie zu und reichte ihr die Hand. Eola sah erneut, wie er in der Zitadelle auf Madiskat kniete, ebenfalls die Hand ausgestreckt und sie schlug die faltigen Finger beiseite.

"Beweist, dass ihr es ernst meint, rettet Kailan und seine Männer. Sie haben es nicht verdient, in diesen Tunneln zu sterben.”

“Selbst wenn ich wollte, kann ich es nicht. Meine Kräfte sind fort und selbst dein Glück wird sie nicht retten.”

“Ihr habt ihn erweckt. Warum habt ihr das getan, wenn ihr wusstet, dass Menschen dadurch leiden werden?”

Sie funkelte den Greis an, der bei jeden ihrer Worte in sich zusammen sank.

“Ihr habt euch nicht verändert. Ihr seid immer noch der Auslöser für Hass und Gewalt, Leid und Tod.”

Der Kaiser nickte.

“Aber wie ich bereits sagte, Tod und Leid gehören genauso zu dieser Welt. Ich habe den Alb nicht erschaffen, nur geweckt und es war nicht meine Absicht, dass Menschen sterben.”

“Wie soll ich euch das glauben, nach allem was ihr getan habt?”

“Als die Stämme aus den Bergen die Hügelländer überfielen, haben sie diesen Grabhügel geschändet. Sie wollten ihre Peiniger leiden sehen und es gelang ihnen auch. Sie haben diese Tunnel gegraben, die Toten ausgegraben und unter den freien Himmel gezerrt. Ein Sakrileg, das die Stämme der Hügelländer blind werden ließ. Sie schlugen zurück und am Ende blieb kaum einer von ihnen am Leben. Einer ihrer Schamanen schuf den Alb und er wütete unter ihnen allen, ohne einen Unterschied zu machen. Ich konnte nicht länger nur zuschauen und schickte einen meiner Magier zusammen mit einem Bataillon Nebelkrieger. Er versiegelte den Alb in den Grabkammern und ich ließ die Leichen hier in den Tunneln begraben. Dann habe ich die Tunnel versiegeln lassen, um ihnen Frieden zu schenken.”

“Soll mich das überzeugen?”

“Meine Nebel hatten erst dafür gesorgt, dass es so weit gekommen ist. Es war meine Pflicht den Toten zurückzugeben, was sie im Leben verloren hatten.”

“Es war eure Schuld, dass sie überhaupt gestorben sind. Eure Taten sind heuchlerisch, der Versuch eines gebrochenen Mannes, sein Gewissen zu erleichtern. Mehr nicht.”

“Über ein Jahrhundert ruhten die Toten in Frieden, aber jemand hat ihre Ruhe gestört bevor ich mich hier unten versteckt habe. Ich habe den Alb erweckt, um ihn hervorzulocken, dafür büßen zu lassen, dass er zunichte gemacht hat, was ich einst vollbracht hatte.”

Eola stieß Luft durch die Nase aus und zog eine Augenbraue hoch.

“Das ist ein wahrlich kleinlicher Grund.”

Der Kaiser nickte. “Vermutlich, aber ich bin auch nur ein Mensch,  jetzt mehr denn je zuvor.”

“Wenn ihr mir helfen wollt, rettet die Männern, die mit mir hier eingedrungen sind. Dann wies ich, das ihr wirklich auf meiner Seite seid”

“Als wenn das ausreichen würde, dass ihr mir vertraut. Aber gut.” Der Kaiser seufzte. “Es gibt nur eine Möglichkeit, einen Alb zu versiegeln. Man muss ihn zehn Meter unter der Erde begraben. Die Tunnel unter dem Ahnenfels sind tief genug. Wenn wir es schaffen, sie zum Einsturz zu bringen, werden sie den Alb erneut begraben, so wie ich es einst getan habe. Aber es wird nicht einfach, wir müssen ihn an eine Stelle locken, die tief genug ist.”

Eola nickte. "Und wie bringen wir die Tunnel zum Einsturz?”

“Lasst das meine Sorge sein. Ihr müsst ihn anlocken. Meint ihr, dass ihr das schafft?”

Eola kaute auf ihrer Unterlippe. Wie sollte sie das anstellen?

“Ein Alb hat drei Augen, eins blickt in die Zukunft, eins in die Vergangenheit und eins sieht das Hier und Jetzt. Allerdings haben sie auch eine Schwachstelle.”

Der Kaiser erklärte ihr, was diese Schwachstelle war, doch es gab ihr nur wenig Zuversicht. Sie würde sich auf ihr Glück verlassen müssen und wenn Kailan, Sellen, Taub und Pollen nicht schon tot waren, brauchte sie auch ihre Hilfe. Doch Sie würde ihr Glück nicht beschützen.


~


Die Erde bebte, die Krallen des Alb scharrten hinter ihnen über den Fels und sein Brüllen erfüllte die Gänge. Seine Schulter pochte schmerzhaft, doch Kailan biss die Zähne zusammen und rannte weiter. Dann war plötzlich Fackelschein vor ihnen im Gang und als sie um die nächste Kreuzung bogen, standen sie den Gardisten des Königs gegenüber. Lord Fremm zog sein Schwert, dann runzelte er die Stirn.

“Formation!”, brüllte er über die Schreie des Nachtalb hinweg, doch der Gang war zu eng und die Männer erstarrten, als sie das Ungetüm sahen. Kailan fuhr herum und dann trat der Alb aus den Schatten. Seine Glieder waren länger als die eines Menschen, dennoch erinnerte seine Statur entfernt an einen. Die schwarze, ledrige Haut, die im Schein der Fackeln glänzte, war von feinen Rissen durchzogen, aus denen rotes Licht drang. Dann öffnete das Wesen das Maul und auch aus dem mit spitzen Zahnreihen besetzten Schlund drang ein rotes Leuchten. Der Alb ging gebückt, um in den Tunnel zu passen, die Krallen, so lang wie Dolche, kratzen schrill über die Wände und schlugen Funken. Der Kopf erinnerte an den einer Fledermaus, mit spitzen Ohren und einer glänzenden Schnauze. Seine drei Augen, lagen nicht nebeneinander, sondern waren wie zufällig in seinem Gesicht verteilt, wenn man es denn Gesicht nennen konnte. Ein Auge war schwarz, das zweite grün und das dritte leuchtete rot. Kailan und seine Männer waren zwischen den Gardisten und dem Ungeheuer gefangen und er brüllte den Männern zu, dass sie fliehen sollten. Doch Lord Fremm machte keine Anstalten, umzukehren.

“Wir weichen keinen Schritt”, wies er seine Männer an. “Es darf diese Tunnel nicht lebend verlassen.” 

Ehrenhafter Tor, dachte Kailan. Der Alb blinzelte kurz und griff an. Kailan warf sich zur Seite und krachte mit der verletzten Schulter gegen die Wand. Vor Schmerz wurde ihm beinahe schwarz vor Augen. Er ging zu Boden und rollte sich auf den Rücken. Der kahle Bauch des Alb war direkt über ihm, doch er war  wie gelähmt, bekam kaum Luft und dann sirrten die Krallen des Ungeheuers über ihn hinweg. Taub ging auf ein Knie und hielt sich den Bauch, Blut sprudelte aus ihm heraus. Die Gardisten schrien wild durcheinander. Die Tunnel waren viel zu klein. Sie alle warteten wie Vieh im Gitter auf dem Weg zur Schlachtbank. Doch Fremm wich nicht zurück und brüllte Befehle. Pollen schwang das Schwert, doch der Alb fing es in der Luft ab und Metallsplitter flogen in alle Richtungen davon. Einer davon traf Sellen am Kopf. Er schrie und kippte zur Seite. Endlich bekam Kailan wieder etwas Luft in die Lungen. Ein Gardist stürmte an ihm vorbei, Blut spritzte auf die Wände und traf Kailan im Gesicht. Dann taumelte der Ritter zurück und sah erstaunt auf seine Arme hinunter. Sie waren sauber am Ellbogen abgetrennt worden und er schrie als das Blut aus den Stümpfen spritze. Dann biss der Alb ihm in den Nacken, warf den Kopf zur Decke und der Körper des Gardisten klatschte wie eine Puppe dagegen. Der Alb ließ ihn los und der leblose Körper begrub Kailan unter sich. Pollen ging als nächstes nieder und die ersten Gardisten nahmen Reißaus. Fremm brüllte immer noch Befehle, doch auch sein Selbstbewusstsein schwand. Kailan blieb reglos liegen. Er konnte sich zwar langsam wieder bewegen, aber seine beste Chance zu überleben war es, liegen zu bleiben, dem Alb keinen Grund zu geben, ihn anzugreifen. Solange es sich bewegende, fliehende Ziele gab, würde er Kailan vielleicht ignorieren. Manch einer hatte ihn in diesem Moment vielleicht einen Feigling geschimpft, aber er würde keinen Kampf schlagen, der sinnlos war. Fremm gelang es tatsächlich den nächsten Angriff des Alb zu parieren, doch sein Schwert splitterte wie das von Pollen und mit den Überresten davon hatte er nicht genug Reichweite. Die Arme des Alb hingegen waren über einen Meter lang und schnellten tödlich auf den Lord zu. Die Krallen schlossen sich um Fremms Hals, dann schrie der Alb. Lord Fremm hatte es geschafft, die Überreste seines Schwertes von unten durch das Handgelenk des Monsters zu stoßen und rotes Licht strömte aus der Wunde. Dann drückte der Alb zu und Fremms Kopf ploppte von seinem Körper wie der Korken aus einer Flasche. Der Nachtalb ließ die zuckende Leiche fallen und setzte den übrigen Gardisten nach. Er verschwand im Dunklen, wobei ein weiteres Beben durch die Tunnel ging, als es beim Spurt um die Kurve gegen die Wand rannte, sich davon abstieß und dem nächsten Gardist in den Rücken sprang. Doch Kailan hörte es nur noch und rollte jetzt stöhnend die Leiche des Gardisten von ihm herunter. Dabei sandte seine Schulter immer noch Schmerzen durch seine Wirbelsäule, das Adrenalin ließ ihn jedoch in den Hintergrund rücken. Er kam auf ein Knie und stolperte zu Sellen hinüber. Der Junge lag stöhnend an die Höhlenwand gelehnt, seine rechte Gesichtshälfte war blutüberströmt, doch er lebte. Um Pollen und Taub sah es schlecht aus. Der Bastard hatte eine tiefe Wunde am Hals und als sein Schwert in Einzelteilen zersprengt worden war, musste es ihm die Hand zerfetzt haben. Taub lag auf der Seite und als Kailan ihn vorsichtig umdrehte, starrten seine Augen leblos zur Decke. Kailan biss die Zähne zusammen, aber er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Der Ausgang war versperrt, ihnen blieb nur die Flucht tiefer in die Tunnel. Der ganze Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert und die Schreie, die von fern erklangen, verstummten alsbald. Der Albtraum würde gleich zurückkehren und beenden, was er angefangen hatte, daran hatte Kailan keine Zweifel. Er riss das Wams des Lord Fremm in Streifen und wickelte es grob um Sellens Kopf, dann wollte er sich Pollen zuwenden. Doch der Krieger hatte sich die Hand auf den Hals gepresst und hustete Blut. Kailan erkannte, das es bereits zu spät war. Er nahm die Hand des Kriegers in seine und mit einem beinahe irren Lächeln auf den Lippen tat der Bastard seinen letzten Atemzug. Kailan schloss kurz die Augen, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und legte Pollens Hand auf seiner Brust ab.

“Kannst du laufen, Junge?"

Stellen nickte, aber er war beunruhigend blass und Kailan vermutete, dass es nicht nur am Blutverlust lag. Es war der erste Kampf des Jungen gewesen, es grenzte an ein Wunder, das er sich noch nicht übergeben hatte. Sellen zitterte zwar stark, aber er war noch nicht zusammengebrochen oder in Panik geraten, was beachtlich war.

“Kailan… sie sind alle tot.”

“Ich weiß, Junge. Aber du musst dich zusammenreißen, sonst sind wir es auch bald.” Sellen wischte sich das Blut vom Gesicht und wandte sich von den Leichen ab. Kailan hob eine der Fackeln auf, die einer der Gardisten fallen gelassen hatte, dann ging er voran in die Richtung aus der sie gekommen waren. Wenn sie Glück hatten, gab es einen Weg hier heraus. Irgendwie war der Dämmerfuchs des Mädchens von hier in den Westturm gelangt. Es war ein dünnes Halm an das er sich klammerte. Vermutlich war dieser Zugang zur Burg nicht groß genug für einen Menschen. Aber etwas besseres fiel ihm nicht ein. Also humpelte er an die Wand gestützt weiter. Der Junge direkt hinter ihm schwieg und Kailan warf ihm einen einschätzenden Blick zu.

“Junge, rede mit mir.”

“Was?”

“Reden hält dich davon ab, zu viel darüber nachzudenken.”

Doch es gab noch einen zweiten Grund. Kailan musste sichergehen, dass er sich noch artikulieren konnte. 

“Mir geht's gut, Kailan."

“Lüg mich nicht an. Niemandem geht es gut, nachdem was wir grad erlebt haben”

Sie kamen an eine Biegung und Kailan ließ Taubs letzte Markierung links hinter sich, welche zu den Grabkammern führte.

“Das meinte ich auch nicht. Meinem Kopf geht es gut. Nur eine Platzwunde.”

“Na gut. Aber sobald dir schwindelig wird oder schlecht, sagst du mir sofort Bescheid, verstanden?”

Der Junge nickte und Kailan wandte sich wieder nach vorne. Der Gang machte eine weitere Biegung und Kailan hielt inne. Dann fluchte er leise und lief schneller. Der Alb war wieder in den Tunneln. Sein Jaulen hallte durch die Gänge hinter ihnen und Krallen kratzen über Stein.

Stellen blieb stehen und Kailan lief zu ihm zurück.

“Er kommt wieder Kailan. Ich… wir können ihm nicht entkommen.”

“Reiß dich zusammen, Junge.Wir müssen in Bewegung bleiben. Ich werde hier unten nicht sterben und du auch nicht, ich lass es nicht zu.”

Doch Sellen schüttelte den Kopf und jetzt liefen ihm Tränen über die Wangen. Kailan verpasste ihm eine Ohrfeige, da ihm nichts Besseres mehr einfiel und bereute es sofort. Doch Sellen stolpert weiter und Kailan folgte ihm. Sie kamen nur langsam voran und bei der nächsten Kreuzung wusste Kailan nicht, ob sie noch in die richtige Richtung unterwegs waren. Der Alb schien jedoch auch Probleme zu haben, ihren Geruch auszumachen, denn abgesehen von einem gelegentlichen Jaulen und Kratzen war es hinter ihnen still geworden. Sie bogen um eine Ecke und endlich fiel vor ihnen Licht in den Gang. Es kam von oben, ein Gitter das in die Decke eingelassen war. Kailan sah hinauf und zog das Schwert. Er stieß von unten mit der Klinge gegen die Gitterstäbe, doch sie rührten sich keinen Millimeter. Kailan fluchte und versucht es erneut. Laut hallte das Klirren der Waffe durch die Tunnel und Sellen griff nach Kailans Arm.

“Lasst das, so findet er uns!” 

Panik stand in Sellens Augen. Kailan funkelte ihn an, aber er hatte Recht. Krallen kratzen über Stein, dann brüllte der Alb und sie fuhren herum. Das Monster bog um die Ecke und sah sie mit seinem drei Augen an. Dann sprintete es auf Kailan zu. Er ging in eine defensive Schrittposition doch das Schwert zitterte in seiner Hand. Der Alb war bei ihnen, bevor er blinzeln konnte. Er machte nicht den Fehler ihm parieren zu wollen sondern wich unter der Kralle durch und schwang das Schwert nach dem Arm der Bestie. Doch er war zu langsam, seine Schulter machte ihm zu schaffen und die Krallen des Alb fuhr tief in sein Fleisch, verfälschte seinen Hieb und er taumelte gegen die Felswand. Sellen hatte ebenfalls das Schwert gezogen, doch der Alb schien Kailan als größere Bedrohung einzustufen. Er war jetzt direkt über Kailan und ließ beide krallenbesetzten Hände auf ihn herab fahren. Er konnte nicht beiden ausweichen und als er parieren wollte, bekam er das Schwert nicht hoch genug. So würde es also zu Ende gehen, dachte er. Im Kampf mit einem Alb zerfetzt, kein unbedingt schlechter Abgang für jemanden wie ihn. Doch wider Erwarten zerfetzten ihn keine scharfen Krallen.

“Hey! Missgestalt! Lass ihn in Ruhe!”

Die Stimme des Mädchen zitterte nicht einmal. Entweder war sie sehr dumm oder sehr mutig. Doch der Alb war abgelenkt. Kailan riss sein Schwert hoch und stieß zu. Das Monster heulte auf. Er hatte auf das mittlere Auge gezielt und sogar getroffen. Das musste das Glück dieses verfluchten Mädchen sein. Der Alb taumelte gegen die Tunnelwand und Kailan riss Sellen mit sich auf das Mädchen zu. Sein Schwert steckte immer noch im Auge des Monsters und der Alb versuchte, ohne etwas sehen zu können, wie es schien, die Waffe aus der Wunde zu ziehen. Dabei torkelte er von Wand zu Wand und schrie, während Steine von der Decke rieselten.

“Hast du auch einen Plan?”, fragte Kailan, als sie Eola erreicht hatten. 

“Sowas in die Richtung.”

“Gut.”

“Wir müssen ihn zur Grabkammer locken.”

Kailan nickte, dann hatte der Alb es geschafft, die Klinge an der Höhlenwand abzustreifen und seine zwei übrigen Augen wandten sich ihnen zu. Kailans Schulter pochte unangenehm und die Wunde an seinem Arm war tief, doch er schleppte sich weiter. Eola stützte den Jungen, der Schwierigkeiten hatte, das Gleichgewicht zu halten. Das war gar nicht gut. Im Schein der Fackel erkannte Kailan, dass feine rote Äderchen sein rechtes Auge durchzogen.

“Nach rechts”, wies Kailan sie an und Eola ging mit Sellen vorran.

“Hey. Hier lang Dreiauge!”

Der Alb zuckte mit dem Kopf, als wäre er kurz irritiert, dann war der Moment vorbei und in rasantem Tempo kam er ihnen hinterher. Sie waren zu langsam, das Ungeheuer würde sie eingeholt haben, bevor sie die Grabkammern erreichten. Eola sah es ebenfalls und ließ Sellen an der Höhlenwand hinab sinken. Dann zog sie Kailans Dolch von seinem Gürtel und bevor er reagieren konnte, stellte sie sich zwischen sie und das Monster.

“Ich lenke ihn ab. Aber ihr müsst zu den Grabkammern, sonst wird er dort nicht hingehen und ich kann euch nicht beschützen.”

Kailan schnaubte. So weit war es schon gekommen, dass er sich von diesem Gör beschützen lassen musste.

“Das ist doch Irrsinn, er wird dich zerfetzen Mädchen.”

Sie schüttelte den Kopf.

“Er kann mich nicht sehen, sein Auge…”

Kailan runzelte die Stirn, hatte jedoch keine Zeit, nachzufragen. Der Alb war nur noch wenige Meter entfernt. Das Mädchen rannte auf ihn zu, doch sein Blick blieb auf Kailan und Sellen gerichtet. Er schien Eola zu hören, aber nicht zu sehen, denn er legte erneut den Kopf schief und blieb kurz stehen. Die Kleine rammte ihm den Dolch ins Bein und er jaulte auf, hieb mit der Klaue nach ihr. Sie konnte gerade so ausweichen.

“Macht schon, bewegt euch!”, rief sie Kailan zu und er setzte sich mit Sellens Arme über der verwundeten Schulter wieder in Bewegung. Der Alb konnte die Kleine tatsächlich nicht sehen. Kailan musste das Auge getroffen haben, dass im Hier und Jetzt sah. Aber warum konnte der Alb nicht sehen, was kommen würde? Waren die Legende falsch? Die Geschichten bloß Lügen? Nein, hier war etwas anderes im Spiel, der Alb sah sie einfach nicht in der Zukunft und auch nicht in der Vergangenheit. Deshalb hatte Kailans Angriff getroffen und es war auch der Grund, warum Eola ihn nicht zu den Grabkammern locken konnte. Er würde nur ihm und Sellen folgen, nicht ihr. Kailan lief weiter und das Mädchen folgte. Der Alb raste. Die Krallen schaben wild über den Boden und Kailan spürte seinen Atem in seinem Nacken. Er bog um die Ecke, sprang über das am Boden liegende Gitter und zog Sellen mit sich. Seine Beine zitterten, sein Atem ging Stoßweise und das Adrenalin wich langsam aus seinem Körper. Zurück blieb eine Menge Schmerz und Kailan ging hinter der nächsten Ecke in Deckung. Genau genommen sackte er einfach gegen die Wand. Die Bestie kam in die Grabkammern gesprungen und kam schlitternd an einer der Säulen zum Stehen. Sellen kauerte neben ihm, das Mädchen hatte sich hinter der anderen Ecke in Sicherheit gebracht. Eola deutete mit dem Finger auf die Säulen und den kleinen, tiefliegenden Platz dahinter, der von den Säulen eingeschlossen wurde. Kailan nickte und raffte sich ein letztes Mal auf. Schweiß und Blut lief ihm über den Körper, doch er zwang sich aufzustehen. Der Alb fasste Kailan ins Auge und Eola trat neben ihn. 

“Er sieht mich nicht. Mein Glück macht mich für seinen Visionen unsichtbar. Außerdem hat es dafür gesorgt, dass ihr das richtige Auge getroffen habt.”

Kailan nickte.

“Das habe ich mir schon gedacht.”

“Wenn wir zusammen arbeiten, sollten wir es schaffen.”

“Gebt mir den Dolch Mädchen.”

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Der Alb schnüffelte und sah sich um. Dass er Eola nicht sah, aber hörte, schien ihn zu verunsichern.

“Ihr könnt doch kaum stehen.“

“Eola!”, sagte Kailan streng und sie reichte ihm die Waffe. Kailan lief auf den Alb zu. Er sah ihn kommen, tat jedoch nichts. Was auch immer Eola vorhatte, verschleierte seine Sicht auf das, was kam. Zumindest war das Kailans Vermutung. Doch dann brüllte der Alb und griff doch noch an. Kailan wich zur Seite aus und war jetzt neben dem Monster. Eola rannte direkt auf ihn zu und rollte sich unter seinen Beinen hindurch ab. Kailan hob anerkennend die Braue. Es war ja doch etwas von seinem Training hängen geblieben. Dann sprang das Mädchen die wenigen Stufen innerhalb der Säulen hinunter und wedelte mit der Fackel, die sie in der Hand hatte, sodass die Flammen fauchten.

“Hier bin ich, du hässliche Riesenfledermaus!”, rief sie und der Alb fuhr zu ihr herum. Er machte einen Satz die Treppen hinunter und war bei Eola, bevor sie sich umdrehen und davon laufen konnte. Kailan nahm die Spitze des Dolches zwischen Daumen und Zeigefinger, zielte und warf. Er traf den Alb in die rechte Schulter, dabei hatte er auf den Rücken gezielt, wo er das Herz des Ungeheuers vermutete. Aber die Verletzung seiner Schulter ließ ihn im entscheidenden Moment zusammenzucken und er taumelte gegen eine der Säulen. Der Alb schrie und bäumte sich auf. Kailan ging an der Säule zu Boden. Eola sprang die Treppen auf der anderen Seite wieder hinauf und drehte sich zum Alb um.

“Jetzt”, rief sie und eine gebeugte Gestalt trat neben ihr aus den Schatten. Eola hielt dem Greis ihre Fackel entgegen und er entzündete eine zweite daran. Der Alb fauchte und setzte zum Sprung an, doch das Mädchen warf die Fackel und der Greis, es musste der Kaiser sein, tat es ihr gleich. Doch sie zielten nicht etwa auf das Ungeheuer, sondern auf etwas über ihm.. Das Feuer streifte die Decke und erst geschah nichts. Klappernd fiel eine der Fackeln wieder zu Boden, die andere hatte sich im Stein über dem Alb verkantet und Kailan runzelte die Stirn. Dann züngelten die Flammen in einen der Risse im, Gestein über ihnen und es zischte laut, bevor die Fackeln erlosch. Der Alb sah zur Decke, dann rumpelte es im Stein über ihm und er sprang. Im selben Augenblick knackte es erst, dann zerriss ein Knall die Stille und Felsbrocken lösten sich aus der Decke. Irgendwo im Gestein über ihnen musste sich Gaß angesammelt haben und die Fackeln hatten es entzündet. 

“Lauft”, schrie Eola und Kailan drehte sich um. Er sah nicht mehr, was geschah, konnte es sich aber hören. Sellen war bereits auf dem Weg zum Ausgang und Kailan lief mit ihm zum Gitter dahinter. Es krachte und rumpelte so laut, dass Kailan meinte, seine Trommelfelle müssten gleich platzen. Als er sich schließlich wieder umdrehte, erfüllten Staubwolken den Gang. Im Dunkeln erkannte er, dass die ganze Grabkammer eingestürzt war. Er sank gegen die Wand des Tunnels hinter ihm und jetzt schlug der Schmerz und die Erschöpfung über ihm zusammen. Kailan wollte einfach nur die Augen schließen und für immer schlafen, aber er wusste, dass er das nicht durfte. Er hatte zu viel Blut verloren und wenn er jetzt einschlief, würde er nie wieder aufwachen. Also raffte er sich auf und drückte sich mit seiner letzten Kraft an der Wand hoch. Sellen lag neben ihm auf dem Boden und hatte den Kopf gegen die Felswand gelehnt. Kailan nahm die Fackel auf, die er an dieser Stelle ausgetreten hatte und entzündete sie an einem Holz, das er in der Tasche fand. Dann wandte er sich Sellen zu.

“Junge! Du kannst schlafen, wenn wir aus diesen Tunneln entkommen sind.”

Der Junge blinzelte und hob schwach den Kopf. Ein einsames Lächeln umspielte seine Lippen.

“Wir haben es geschafft, Kailan. Wir haben es tatsächlich …”

Dann sackte sein Kopf auf die Brust und Kailan stöhnte. Er hatte nicht mehr die Kraft zu fluchen. Zu was seine letzten Reserven noch alles in der Lage waren, dachte er, als er Sellen aufhob und aus den Tunneln trug. Er taumelte, musste sich einige Male an die Wand lehnen, um zu verschnaufen, doch schließlich hatte er es geschafft. Licht schien ihm entgegen. Das helle Loch lag nur wenige Meter vor ihm. Eola kam Kailan entgegen, hinter ihr die Umrisse eines gebeugten Greis. Dann kippte die Welt zur Seite.