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ein verrirrter Prolog, mit Aussicht auf mehr.

Fabians Prolog  oder “Wie schmeckt eigentlich Kartoffelsuppe?” Im Allgemeinen war es sehr heiß. Es war auch gruselig und schaurig und ab und...

Freitag, 24. Januar 2025

ein verrirrter Prolog, mit Aussicht auf mehr.

Fabians Prolog 

oder

“Wie schmeckt eigentlich Kartoffelsuppe?”


Im Allgemeinen war es sehr heiß. Es war auch gruselig und schaurig und ab und an sehr seltsam, aber die Hitze stand ganz klar im Vordergrund.

Sie stand bis unter die zerklüftete Decke, wand sich wie träge Schlangen über den Boden und war auch dazwischen sehr präsent.

Nur der Boden war kalt, eiskalt. 

Obwohl, nein, eigentlich war auch der Boden sehr heiß, was wohl vor allem an den mit Lava gefüllten Becken lag, aber auch an den Flammen, die an den Wänden leckten, als könnten sie dort etwas köstliches abschlabbern. Vielleicht Sirup?Oder leckere Marmelade. Aber das war nur Wunschdenken, denn hier, wo auch immer das eigentlich war, gab es nicht einmal etwas Einfaches zu essen, wie Kartoffelsuppe. Dabei waren die blubbernden Lavaseen wie dafür geschaffen, darüber eine wohlschmeckende, vielleicht aber auch etwas verbrannte Suppe zu kochen. Trotzdem machte sich Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch gerne darüber Gedanken wie die Wände vielleicht schmeckten falls sie mit Marmelade bestrichen wären, was sie natürlich nicht waren, das wusste selbst er. Dabei waren seine drei Gehirnwindungen nicht dafür gemacht, sich viele schlaue Gedanken zu machen.

Trotzdem machte er sie sich, ganz zum Ärger seiner Freunde, die wirklich dumm waren. Nicht wie er nur ein bisschen dämlich, sondern strunzdumm, so dumm, das es dämmerte. Eine seiner Gehirnwindungen meldete, dass man das eigentlich so nicht sagte, aber es war eine besonders dämliche Gehirnwindung, also hörte er einfach nicht auf sie. Stattdessen dachte er lieber an Kartoffelsuppe, dabei hatte er noch nicht einmal eine einzige Kartoffel gesehen, geschweige denn gegessen. 

Trotzdem dachte er gerne darüber nach, wo er vielleicht welche herbekam. Dabei kam er oft, nein eigentlich immer, zu dem Schluss, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen musste zu suchen. Wuchsen Kartoffeln an Bäumen oder Sträuchern?Oder wurden sie von irgendwelchen Vögeln gelegt? Er hatte von Dingern gehört, die von Vögeln gelegt wurden, wie hießen sie noch gleich?

Ach ja, Eier.

“Hey Buschmann, geh mir mal aus dem Licht”, riss ihn da eine Stimme aus seinen beinahe schon intelligenten Überlegungen. Die Stimme gehörte dem nervigsten, überheblichsten und redseligsten Frosch, den Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch je getroffen hatte. Das Frösche eigentlich nicht reden, wusste er nicht, da dieser hier auch der einzige Frosch war, den er je getroffen hatte. Das er etwas größer war als normale Frösche, war ihm dementsprechend auch noch nicht aufgefallen. Genau genommen war er sehr viel größer als ein normaler Frosch, nämlich fast über einen Meter größer. Man musste nur die Größe eines echten Frosches von einem Meter abziehen und dann hätte man ungefähr die Größe zusammen, die dieses Exemplar seiner Spezies bemaß, plus minus ein paar Zentimeter, wer konnte das schon so genau sagen. 

Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch jedenfalls nicht.

Er war noch mit dem Gedanken beschäftigt, aus welchem Licht er dem Frosch gehen sollte, denn er wusste zwar was Licht war, aber es war an diesem Ort - wo auch immer der lag - so omnipräsent, dass man genau genommen niemandem im Licht stehen konnte. Die Frage war Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch leider in einer seiner Gehirnwindungen stecken geblieben, als das Wort “omnipräsent” in seinen Lösungsansätzen vorgekommen war. Er kannte es erst seit kurzem und fragte sich jetzt, ob er es richtig verwendet hatte. Vermutlich war es in der Windung stecken geblieben, die sich auch über das Wort “dämmern” beschwert hatte, aber wer konnte das schon so genau sagen.

Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch jedenfalls nicht.

“Klappe Frodo!”, schnauzte er also, als ihm keine bessere Idee kam, und mit einem Schnipsen verpasste er dem nervtötenden Frosch einen Schmerzschmatzer. Eigentlich verursachte er mit dem Schnipsen einfach nur kurze Schmerzen und diese einfache Art der Magie verursachte auch keinen Laut, trotzdem nannte Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch diesen kleinen Zaubertrick gerne so. Ihm gefiel das Wort Schmerzschmatzer, es war so viel lustiger als dieses bescheuerte “omnipernent”. Bevor ihm eine seiner Gehirnwindungen melden konnte, dass es nicht dasselbe Wort war, über das er gerade noch nachgedacht hatte, schaltete er sie einfach ab. Stattdessen sah er lieber dabei zu, wie Frodo kurz zusammenzuckte und quittierte seine Schmerzen mit einem kurzen Kichern.

“Ich heiße Fredo.”

“Was?”

“Nicht Frodo.”

“Mir doch egal.”

Das der Frosch ihn gerade ebenfalls nicht mit seinem Namen angesprochen hatte, war in der Gehirnwindung verloren gegangen, die er abgeschaltet hatte, sonst hätte er dem aufsässigen Frosch vermutlich direkt noch einen Schmerzschmatzer verpasst. Stattdessen hörte er kurz auf mit den verkümmerten Flügeln zu flattern und sah mit einem Stirnrunzeln auf das hinab, was Fredo in den grünen Patschehänden hielt.

Wenn er denn die Stirn hätte runzeln können. Denn dort wo bei einem normalen Menschen die Stirn gewesen wäre, standen Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch zwei krumme Hörner aus dem Fell. Oder aus dem bisschen an Haaren, die man als Fell hätte bezeichnen können. Wenn man es ganz genau nahm, war es also eigentlich gar kein Fell, sondern eher ein Flaum oder so etwas wie Borsten, also eigentlich auch kein Flaum. Er hatte allerdings mehr von - was auch immer es eigentlich war- als die anderen seiner Art, zumindest die, die er bisher kennengelernt hatte, was Fredo vermutlich auf den genialen Namen Buschmann gebracht hatte. Aber die Gehirnwindungen, die auf all das hätte kommen können, waren ja nun einmal abgeschaltet. Und als er sie wieder anstellte, um sich einen Reim auf das Stück Papier zu machen auf das Fredo kritzelte, waren diese Gedanken bereits vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis transferiert worden, wenn Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch denn so etwas wie ein Langzeitgedächtnis gehabt hätte. So verpufften sie einfach im leeren Raum zwischen Schädel und Gehirn, wovon es in Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch Kopf sehr viel gab.

“Was wird denn das, wenn's fertig ist?”, fragte er und deutete dabei auf das, was Fredo so kritzelte.

“Mein Debut Album.”

“Hä?”

Fredo seufzte und sah auf.

“Ich schreibe die Noten für ein Lied auf. Weißt du, was Noten sind, Fellfritz?”

“He, so heiß ich nicht!”

Der Frosch zuckte bloß mit den Schultern doch bevor Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch ihm einen weiteren Schmerzschmatzer verpassen konnte, setzte er hinzu:

“Tut mir leid, dein richtiger Name ist mir einfach viel zu kompliziert. Ihr solltet echt mal über Abkürzungen nachdenken.”

Jetzt war es an Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch mit dem Schultern zu zucken und er grinste fies.

“Mir doch egal. Nenn mich einfach geflügelter Horror.”

“Ich werde dich ganz sicher nicht geflügelter Horror nennen”, entgegnete der Frosch und verdrehte die Augen. Er hatte sehr große Augen, in denen sich das Feuer schön schaurig spiegelte und mit denen es sich hervorragend die Augen verdrehen ließ. Etwas wofür Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch ihn beneidete, nur hätte er das niemals zugegeben. Aber weil er so schön die Augen verdrehte, ließ Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch ihm seine Unverfrorenheit durchgehen. Schon wieder verschluckte sich sein Gehirn beinahe an diesem komplizierten Wort. Und Schuld daran war dieser verfluchte Frosch, der ihm diese ganzen Worte überhaupt erst in den Kopf gesetzt hatte. Also verpasste er Fredo doch noch einen Schmatzer. Der Frosch jaulte auf und ließ das Stück Papier beinah fallen, das er in der Hand hielt.

“Wofür war das denn?”

“Für eure Unbefrohtheit.”

“Meine was?”

“Ach, haltet einfach die Klappe!”

Damit begannen seinen kümmerlichen Flügel wieder zu schlagen und er ließ den Frosch mit seinem Gekritzel allein. Sollte er doch sein Foto Album kritzeln, es interessiert Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch nicht besonders.

Hätte er die eine Gehirnwindungen, die ihn gegenüber seinen anderen Artgenossen tatsächlich überlegen machte, nur etwas angestrengt, hätte diese vielleicht verarbeiten können, was Fredo gekritzelt hatte. Denn dieser Teil seines Gehirns hatte die Zeichen abgespeichert, die in regelmäßigen Abständen in die Felswände geritzt worden waren, die von den Lavabecken hinauf zu dem massiven scharfkantigen Thron führten, auf dem sein Meister so gerne Platz nahm, wenn er denn einmal da war. Vielleicht wäre Krischna’Schnarick-Schrickschakrisch dann aufgegangen, was Fredo plante. Obwohl sein Plan noch in der Kinderwiege lag und hauptsächlich “Abda Abda!” schrie, während eine verzweifelte Amme versuchte, ihn zu beruhigen.


Das Glückskind; Kapitel 4


Kapitel 4: Nebel einer längst vergangenen Zeit.


“Ihr seht müde aus.”

Die Stimme des Kaisers war wie das Flüstern von Schatten, wie Reif, der sich auf kalte Fenster legte und das Echo, das von den Wänden hallte, sirrte Eola in den Ohr.

“Müde und alt. Lasst mich euch endlich von dem Fluch erlösen, den ihr euer Leben nennt.”

Eola wartete nicht, bis sich dort unten etwas entwickelte, das sie eh nicht beeinflussen konnte. Oine zählte auf sie und was auch immer er im Heiligtum zu finden glaubte, es war ihm wichtiger als sein eigenes Leben.

Sie suchte hektisch die Wände ab, doch da war meine weiteren Vertiefung, kein Klicken als sie über die Wände fuhr. Nichts das ihr verriet wie der nächste Schritt des Mechanismus aussah, der sie zum Heiligtum führte. 

“Wann habe ich je dem Schicksal getrotzt, alter Freund. Ihr seid es, der sich dem entziehen will, was bereits in den Sternen geschrieben steht.”

Sterne!

Fuhr es Eola durch den Kopf. Oine hatte im Tagebuch über sie geschrieben, die Drachen waren Sterne und sie erkannte sie auch auf den Wandbildern an der Decke.

Nutze deinen Verstand

Hatte Oine gesagt. Die Hexenmeister waren geniale Astronomen gewesen. Sie hatten Voraussagen getroffen, die exakter waren, als alles, was die modernen Wissenschaft des Kaisers je für möglich gehalten hätten. 

“Die Zukunft meiner Reiche liegt allein in meiner Hand und niemand, nicht einmal eure Herren, Oine, werden sich mir in den Weg stellen.”

Fieberhaft suchte Eola nach Sternen, die sie von hier erreichen konnte. Sie war sich sicher, dass der Lichtstrahl irgendwo nach hier oben gefallen war. 

“Ihr ward schon immer gut darin, mich falsch zu verstehen, alter Freund. Dabei wollte ich euch nie etwas böses. Ihr könnt euren eigenen Tod nicht verhindern, das kann keiner von uns.”

So wie Eola ihre Großmutter nicht hatte retten können. So wie sie nicht einmal sich selber würde retten können. Sie war zu klein, erreichte keinen der Sternen, die hoch über der Balustraden standen, sich über die Decke erstreckten und ihr kalt entgegen funkelten. Sie blieben unberührt von ihrem Dilemma, blickten stumm auf sie herab.

Sie sah sich nach etwas um an dem sie hinauf klettern könnte. Da waren die Säulen auf dem Geländer und sie machte sich daran ihrem schmalen Körper auf die steinernen Balustrade zu schieben.

Tief unter ihr tat sich die Halle auf, der Kaiser umgeben von seinen Soldaten, die Oine jetzt langsam umringten.

“Und ihr seid bereits seit langem Tot, Freund. Ihr starbt als Verräter am Strick. Und heute töte ich den Schatten der aus eurem Grabe empor stieg. Ich schicke euch in die Dunkelheit zurück, aus der ihr einst kamt.”

Eola zwang sich, den Blick anzuwenden, zu den Sternen hinauf. Über ihr stand der äußere Gürtel der Galaxis, Sterne die dem vergessenen Kontinents zugeordnet wurden. Und hell und rot mitten unter ihnen, der rote Riese. Ihr Schützer und stiller Begleiter. Und doch entzog er sich weiterhin ihrer Berührung.

Sie sah erneut zu Oine hinab, der jetzt langsam die Arme hob. Schwache Streifen aus Licht sammelten sich um seine Finger und spiegelten sich in den dunklen Rüstungen der Soldaten. Und jetzt erkannte Eola warum sie Gasperlit trugen. Feine Strahlen aus Licht schossen ihnen entgegen, prallten jedoch ohne Effekt vom Metall ab. Sie schützen die Krieger vor den Einflüssen der Magie, die der Magier in ihrer Mitte wirkte. Auch der Kaiser hob die Hände. Und jetzt wallte Nebel durch das offene Portal.

Dann wandte Oine sich jedoch um und schoss sein Licht auf den Bronze-Altar. Kurz blitzte der Lichtstrahl erneut auf, der ihr den Weg zum Heiligtum wies und bestätigen Eolas Vermutung. Das Licht traf den roten Riesen über ihr, dann verblasste es und die kühle Stimme des Kaisers hallte durch die Zitadelle.

“Tötet ihn!”

Eola sah hilflos dabei zu, wie die Krieger den Magier einkreisten und ihre Schwerter zogen. Vorsichtig näherten sie sich dem Gesandten, der ihnen ebenso hilflos ausgeliefert war. 

So würde es also zu Ende gehen.

Dachte Eola.

Dem Himmel so nah und doch so fern.

“Oine”, dachte sie verzweifelt. 

“Ich brauche seine Hilfe.”

Doch Oine wurde von den Soldaten des Kaisers in Schach gehalten, er wich den Klingen geschickt aus, schlug sie mit bloßer Hand beiseit, doch der Kaiser kam  immer näher. Nebel stieg in der Zitadelle auf, verhüllte die Säulen und Wandbilder und trug einen Duft nach Schwefel und Fäulnis heran. 

Eola begannen die Augen zu tränen und sie konnte kaum noch sehen was unten geschah. Sie blickte erneut zur Decke hinauf. Nebelschwaden begannen die Bilder zu verschleiern. Bald hatte sie den roten Riesen aus den Augen verloren. Sie schob sich weiter in Richtung einer der Säulen, so glatt wie polierter Marmor keine Spalte, kein Vorsprung an dem sie sich hoch ziehen konnte. 

Ihre Muskeln zitterten. Das Klirren von Klingen auf Stahl drang gedämpfte an ihr Ohr. Eola wusste nicht, ob es überhaupt ausreichete den Stern einfach nur zu erreichen, aber alles was passiert war, seit sie Madiskat erreicht hatte, schien sie an diesen Ort geführt zu haben, zu diesem Punkt ohne Wiederkehr.

Sie musste Vertrauen haben. In sich selbst, nicht allein ihr Glück. Also tat sie das einzige, das ihr einfiel. Sie ging in die Hocke, hielt die Luft an, wie eine Katze bereit zum Sprung und dann stieß sie sich unter dem Geländer unter ihren Füßen ab.

Ihr Flug war kurz und sie streifte die Decke nur flüchtig, doch es reichte aus. Der Stern senkte sich etwas unter ihrer Berührung hinab und dann… fiel sie.

Luft sirrte Eola in den Ohren, das Fauchen von Wind im Nebel, wie kleine Drachen.

Sie drehte leicht den Kopf, sah Oines blasses Gesicht, von feinen Schnitten übersät. Dann trat die Klinge des Kaisers aus seiner Brust, zerriß den Nebel um ihm herum. Sie landete gegen ihre Erwartungen sanft auf den harten Boden und trotz der tödlichen Verletzung stahl sich ein Lächeln auf Oines Gesicht.

Er hatte sie gerettet und sich selbst damit verdammt.

Ihr Blick glitt zur Decke und ein entferntes Rumpeln drang durch den Nebel.

Das Dach über ihr tat sich auf und gab den Blick auf die Sterne frei. 

So fern und doch zum Greifen nah.

Als wäre die Nacht bereits über Madiskat herein gebrochen. Und die Stadt am Reihwasser schwieg.

Der rote Riese stand direkt über ihr und verstand sie, was sie sah. Der Mechanismus hatte funktioniert und verstärkte ihren Blick in den Himmel. Der rote Riese wurde größer und sein Licht bündelte sich in der Kuppel über ihr.

Die Wandbilder oberhalb der Balustraden taten sich auf und alle Viere von sich gestreckt lag sie da und sah dem gigantischen Fahrwerk dabei zu, wie es Teile der Wände ineinander schob. Ein riesiges Uhrwerk das unbeeindruckt von dem was unter ihm geschah rumorte und alte Rätsel löste, die den Menschen des Kontinent lange verloren waren.

Und dann begann der Stern das Innere der Kuppel zu erleuchten, brach sich an tausenden Kanten und Ecken, warf Schatten auf Schatten und durchdrang den Nebel des Kaisers wie ein heißes Messer, Butter. Die Soldaten des Herrschers taumelte zurück, bedeckte sich die Augen und begannen an ihrem Rüstungen zu zerren. Der Kaiser stand mitten unter ihnen und hatte nur Augen für seinen toten Erzfeind, den er einmal Freund genannt hatte. Und der rote Riese über ihr wurde immer noch größer. Vom Stern zum Feuer, das im Heiligtum loderte, Flammen aus Licht die am Dach züngelten.

Und dann wehte ein noch tieferes Rumpeln heran, über die Zitadelle hinweg, schwoll an zu einem Crescendo und tiefste Nacht folgte dem Schatten, der über sie hereinbrach. Ein Schatten so dunkel wie die Unendlichkeit selbst und das Grollen wuchs zu einem urtümlichen Gebrüll.

Die Grundmauern der Stadt erzitterten, die Zitadelle wankte wie Gräser im Wind und dann brach echtes Feuer herrein, erfüllte den düsteren Bau, fauchten in der Kuppel und brachen sich am Boden, schlugen über ihrem Kopf zusammen rot und heiß.

Zwei glühende Augen, groß wie Monde und wie wie glühende Kohlen funkelten sie Eola an. Doch das Feuer tat ihr nichts an und dem Kaiser der sich hinter ihr aufbaute nicht, doch seine Soldaten verbrannten in qualvollem Schrei, schmolzen in ihren schwarzen Rüstungen zu grauem Staub. Sie verwehten im Nebel des Kaisers, der nicht wich.

Der Nebel schien nicht an diesem Ort zu sein und doch da, wie ein in der Hitze flirrendes Trugbild, wie ein Geist vergangener Zeit. Doch der Kaiser war wirklich da, in schrecklichem Grau, dem eisig schimmernden Silber seiner Rüstung.

Eola sah zu ihm auf und er packte sie mit stählerner Hand am Kragen, hob sie hoch in die Luft zwischen sich und die dampfenden Nüstern des Drachen. Der warme Hauch, kitzel sie im Nacken, wie es sonst ihr Glück getan hatte. Vor ihr das Eis des Kaisers, hinter ihr das Feuer des Kanaahn. Denn sie war sich so sicher wie sie sich bei noch nichts in ihrem Leben gewesen war. Der rote Schatten der hinter ihr auf der Kuppel hockte, die gigantischen Krallen im Dach versenkt, die Schnauze ins Innere gesteckt- war er selbst viel zu groß um ins Innere der Zitadelle zu passen- das war Kanaahn, der rote Riese, der letzte aller Drachen.

Und das Heiligtum musste ein Leuchtfeuer sein, das ihn gerufen hatte, zur Rettung oder Zerstörung konnte Eola nicht sagen.

Kanaahn schnüffelte an ihr.

“Aaah, ein Wunderkind.”

Seine Stimme war der Donner selbst, tief wie das Meer und unergründlich wie ferne Gebirge. Die eiserne Maske des Kaisers zog mehr Nebel an, die goldenen Augen im fahlen Gesicht glitzern rot im Feuer des Drachen.

Dann richtete sich das Auge des Drachen dem Kaiser zu.

Er strauchelt und Eola sackte zu Boden, als sein Griff sie entließ.

“Du trägst eine Macht in dir, die die nicht gehört, Herr der Menschen”, grollte Kanaahn. Der Nebel verschwamm zu goldenen Schlieren.

Die goldenen Augen des Kaisers richteten sich auf Eola. Langsam hob er die Hand. Doch er tat ihr kein Leid an, bot sie ihr dar, wie ein Geschenk.

“Mein Nebel wird dir die Kontrolle geben, nach der du dich so sehr sehnst, Mädchen. Glaube mir, wenn ich dir sagen, die Zeit der Wunder ist vorbei. 

Der letzte Drache wird heute sterben.”

“Kontrolle ist eine Illusion”, grollte Kanaahn und wirkte beinah belustigt.

Eola sah zu Oines leblosem Körper hinüber. Da war kein Blut zu ihren Füßen, doch das Schwert des Kaisers ragte immer noch aus dem Toten.

Sie schüttelte langsam den Kopf, dann wandte sie sich um, zu Kanaahn, dessen Nüstern so groß wie Scheunentore vor ihr aufragten.

“Kannst du ihn retten?”

Der Drache schnaubte und glühend heißer Wind schlug ihr entgegen.

“Ein Wunder? Ist das der Grund, warum du mich gerufen hast?”

Sie zuckte mit den Schultern, sie wusste es nicht. Sie hatte nicht die Kontrolle und auch wenn es sie in den Fingern juckte die Hand des Kaisers zu nehmen, ihre Gabe endlich nutzen zu können ohne sich auf ihre Unberechenbarkeit einlassen zu müssen, so wusste sie doch, das sie es nicht konnte.

Yahre hätte es nicht gewollt. Aber es war nicht nur das. Sie spürte das ihre Magie von diesem Wesen stammte, von Kanaahn selbst, sie wusste es einfach. Eola hatte nicht das Recht dazu sie zu kontrollieren. Der rote Riese hatte Recht, Kontrolle war eine Illusion.

“Ich will nicht, dass er stirbt. Ich will, dass niemand mehr sterben muss.”

Wieder ein Schnauben des roten Riesen, er verlagerte leicht sein Gewicht und ein Zittern ging durch die hohen Mauern. Ein Zittern in der Zeit selbst, ein Schwung der großen Flügen außerhalb der Kuppel erzeugte einen Sturm der ihr auf die Trommelfälle drückte.

"Das, ist selbst mir nicht möglich. Seine Herren fordern Tribut, die Rückkehr des Gesandten.”

Eola nickte.

“Nehmt ihn mit euch roter Riese. Ich will, dass ihr ihm Frieden gebt. Meinen will ich erst noch finden.”

Der Drache schien zu nicken, denn seine Nüstern näherten sich leicht dem Boden, dann jedoch spürte sie erneut den Wind, diesmal sogar der Drache Luft ein und der Kaiser begann zu Wimmern.

Nebel flog über den Boden, wogte in Wellen über den kalten Stein, waberte um ihre Knöchel und verschwand im Dunkel unter den roten Schuppen. Und als er ganz verschwunden war, blieb nur Leere, wo einst Oine lag.

Wie aus einer Eingebung heraus verbeugte Eola sich, dann sah sie auf den zitternden Mann hinab, der dort kauerte, wo einst der Kaiser saß. Ein Männchen, bloß noch grau, wo einst Silber war und seine Augen so leer wie sein Nebel.

“Seine Macht ist gebrochen, ohne ihn ist er nur noch Schall und Rauch”, donnerte der Drache, dann stieß er sich vom Kuppeldach ab, schwang die riesigen Flügel und Eola musste den Blick abwenden, die Hände schützend vor den Augen erhoben.

“Solange du an Wunder glaubst, wird meine Macht dir bleiben”, echote die Stimme des Roten durch ihren Geist.

Später würde man ihr erzählen das der rote Riese zum Meer hin entschwandt.

Doch wie er kehrte auch der Nebel des Kaisers nie mehr zurück.


                            - Ende -


Donnerstag, 16. Januar 2025

Das Glückskind; Kapitel 3

Kapitel 3: Die Zitadelle der Hexenmeister 


Cealus Orvo, stand an dem großen Portal der Citre er Maitre, der letzten Bastion der Hexenmeister. Es bedeutete so viel wie “Wunder bewahren”, hatte Oine ihr erklärt. Im Buch des Ahn Leipard wurde es jedoch mit “Chaos ordnen” übersetzt.

Eine lange zulaufende Treppe führte zur Zitadelle hinauf, weiße Stufen, die im ersten Licht des Tages hell funkelten. Nicht alle Treppenstufen waren noch intakt und trotzdem erkannte man immer noch den feinen Schliff und die schönen Maserungen des Steins.

“Düster erhebt sich der Turm”, hatte sie im Buch des Ahn Leipard gelesen, doch Eola musste widersprechen. Auch die Türmchen und Zinnen des hohen Fried, leuchteten wie Silber. Es war noch früh am Morgen und nur wenige Menschen waren auf den Straßen von Madiskat unterwegs gewesen, als sie ihren Weg zur Zitadelle angetreten hatten. Jetzt hielt Oine vor dem hohen Tor ein und sah wie Eola zum Turm hinauf, der sich in den wolkenverhangenen Himmel streckte, wie eine Hand, Finger aus Marmor die nach den verblassten Sternen griffen.

“Sie ist beeindruckend, aber können wir sie auch von innen sehen?”

Der Magier überlegte kurz und nickte dann.

“Der Kaiser hat sie einst versiegeln lassen, aber ich sollte in der Lage sein, die verstaubten Runen zu umgehen. Gebt mir  einen Moment.”

Eola nickte und trat zurück.

Sie sah sich um, während Oine an das Tor trat und die Zeichen darauf analysierte.

Nebel zog hinter den Mauern auf und wieder kitzelte es in ihrem Nacken. Das Gefühl war nicht so stark wie vor wenigen Stunden im Zimmer des Magiers, aber doch war es da, als krabbelte ihr eine kleine Spinne über das Rückgrat.

“Beeilt euch lieber, irgendeine Gefahr ist auf dem Weg hierher.”

Der Magier hielt kurz inne, fuhr mit der Hand durch die Luft als wische er Staub von einer unsichtbaren Glasscheibe, dann nickte er.

“Erstaunlich, ihr habt Recht. Nicht weit von hier wird Magie gewirkt und es sind keine einfachen Kartenspielertricks”

Dann wandte er sich wieder dem Portal zu und murmelte ein paar unverständliche Worte. Die Zeichen auf dem dunklen Holz begannen zu glühen, zitterte und spuckten dann kleine rote Funken auf die Stufen. Oine verzog leicht die Stirn und bewegte die Finger in kleinen, schnellen Kreisen über die immer stärker glühenden Zeichen.

Das Kitzeln in ihrem Nacken verstärkte sich, wurde zu einem unangenehmen Kribbeln und Zwicken. Alles in ihr schrie danach wegzulaufen. Ein Instinkt, auf den sie seit Jahren hörte. Es hatte ihr einige Male das Leben gerettet. Doch jetzt war da Oine, der immer noch am Portal stand und leise fluchte, während er versuchte die Siegel zu brechen. 

“Sie haben die Zeichen erneuert, gerade Gestern. Vermutlich hat meine Magie sie gewarnt das jemand versucht hier einzudringen.”

“Sie kommen”, flüsterte Eola nur und starrte auf die Straße die vom Markt her kam. In der Fern waren Geräusche zu vernehmen, harte Absätze von Stiefeln auf Stein.

“Vielleicht sollten wir verschwinden. Eigentlich ist es mir gar nicht so wichtig in die Zitadelle zu kommen. 

Wenn ich ehrlich bin, war das eine Schnapsidee.”

Oine drehte sich kurz zu ihr um, formte mit den Händen jedoch weiterhin Zeichen über den leuchtenden Runen.

“Manchmal muss man sich der Gefahr stellen Eola. Ich vermeide gerne Kämpfe wenn es möglich ist, aber das, was ich selbst in der Zitadelle zu erledigen habe, ist wichtiger als wir beide zusammen.”

Eola knirschte mit den Zähnen. Sie sollten diesen Tor einfach zurücklassen. Ihr Glück würde sie vor dem Tod nicht bewahren, so wie es auch ihre Großmutter nicht vor dem Tod bewahrt hatte. Auch wenn Eola wirklich alles versucht hatte.

“Warum? Was ist wichtiger als unser Leben?”

Der Magier antwortet nicht, dann erstarrte Eola. Auf der Straße vor ihr lösten sich jetzt Gestalten aus dem Nebel. Soldaten in dunkel glänzender Rüstung, Reiter auf schwarzen Pferden und ihnen voran ein Mann, den sie nur aus den Geschichten kannte. Doch Eola wusste sofort, um wen es sich handelte.

Nebel umwehte die Säume seines Gewandes, eine Krone aus kaltem Stahl saß auf dem hellen Haupt. 

“Haar wie Silber, Augen wie Gold und ein Saum aus Nebel, der ihm folgt.”

Die Beschreibung des Kaisers war erstaunlich zutreffend. Aber was tat der Kaiser des Nebelreichs hier?

Natürlich könnte sie es sich denken. 

Seine Männer trugen Rüstung aus dunklem Gaßperlit, was eigenartig war, da das Metall zwar wertvoll, aber kaum stabil genug war, um einem Schwert standzuhalten. Ihre Gesichter lagen hinter Visieren aus Gittern und Stahl, ihre Schwerter klapperten im Gleichtakt der Schritte. 

“Oine? Wie lange braucht ihr noch?”

“Ich bin fast soweit, hetzt mich nicht.”

“Ja klar, kein Ding. Macht euch bloß kein Stress. Ist ja nur der verdammte Kaiser dort auf der Straße.”

Oine reagierte nicht, doch das Zittern seiner Schultern und die noch schneller werdenden Bewegungen seiner Finger verrieten Eola, dass er sie gehört hatte.

Dann knackte das Holz bedrohlich und die Runen brannten sich schwarz und rauchend hinein. Der Magier fluchte erneut, dann trat er einen Schritt zurück.

“Ich werde es mit Gewalt versuchen. Diese Runen sind komplizierter als ich erwartet habe”

“Was auch immer ihr vorhabt, ihr solltet euch damit beeilen.”

Oine hob die Hand über den Kopf, formte mit dem Fingern eine Raute.

Eola sah gebannt dabei zu wie sich helles Licht zwischen seinen Fingern sammelte. Dann warf Oine die Hände nach vorne und eine Kugel aus Licht, sirrte durch die Luft, knisternd und so hell, das Eola die Hand über die Augen legen musste. Die Kugel traf das Holz und zerschmetterte das Tor, woraufhin ein Regen aus Splittern über der Treppe niederging. Erschrocken zuckte Eola zusammen und schlug schützend die Hände über dem Kopf zusammen.

Glücklicherweise traf sie kein einziges der scharfen Holzstücke.

Ihr Glück würde sie so lange beschützen, wie es mit bloßen Zufällen dazu in der Lage war. Sie stolperte hinter Oine in die Zitadelle und sah sich zum zerstörten Portal um, sobald sie im Dunkel der Mauern stand. Vom Tor waren nur noch Fetzen übrig, die an den alten, aber noch immer geschmeidigen Angeln hin und her schwangen. 

“Wir müssen…”

Weiter kam Oine nicht, denn eine der Statuen hinter dem Portal war durch seinen Angriff ins Wanken geraten und stürzte jetzt mit lautem Getöse in den Eingang. Als der Staub sich gelegt hatte, klopfte der Magier sich diesen aus dem Kleidern und sah sie an.

“Was für ein Glück. Das sollte sie eine Zeit lang aufhalten.”

Eola schnaubte und sah sich um.

“Wie auch immer man es sieht.”

Dann schaute sie sich im Inneren der Zitadelle um. Das Mittelschiff wurde von runden Säule gehalten, die sich zu einem Dudzend Kreuzrippen fächerte und unter hohen Balustraden endeten. Diese wiederum besaßen üppig verzierte Geländer, auf denen niedrige Halbsäulen trohnten, die bis unter die gewölbte Decke führten. Die Kuppel hoch über ihren Köpfen, zeigte Bilder verschiedener Gottheiten und den Hex et Mâitre selbst, die in Kutte zu diesen beteten. Eola wusste nicht viel über den Glauben der Hexenmeister und doch erkannte sie die wenigen Götter, von denen sie gehört hatte. Was sie alle gemein hatten, waren die tierischen Merkmale, wie befellte Ohren oder mit Klauen besetzte Fänge. Andere wiederum trugen Hörner oder Gefieder, hatten buschige Schwänze oder Pfoten. Am Ende des langen Raumes stand ein altertümlicher Altar aus Bronze und weitere Bilder erstreckten sich über den Boden und die Wände dahinter. Die Seitenschiffe waren nur halb so hoch wie das Mittelschiff, jedoch nicht weniger imposant. 

Eola hatte kaum Zeit sich ehrfürchtig umzusehen, da donnerten bereits Schläge von außen gegen die provisorische Barrikade, die als riesige weiße Trümmer im Eingangsportal verstreut lagen.

“Und was jetzt? Der alte Hexenmeister wird dem Kaiser und seinen Soldaten nicht lange standhalten.”

Dabei deutete sie auf die Reste der Statue, die wohl einmal einen wichtigen Priester der Hex et Mâitre dargestellt hatte. Jetzt war sein Kopf in der Mitte gespalten und seine Beine lagen in Trümmern bis zum Altar verstreut.

Oine nickte und schien zu überlegen. Er sah sich in der Zitadelle um und bewegte stumm die Lippen. Der Boden bebte unter den Schlägen gegen den Torso der Statue und Eola wurde sichtlich nervöser.

“Es muss hier einfach einen Zugang geben”, murmelte der Magier schließlich und Eola sah ihn verständnislos an.

“Das zwölfte Heiligtum der Hexenmeister ist verschollen. Den wenigen Notizen zu Folge, die ich finden konnte, gibt es hier irgendwo einen Eingang, der vermutlich unter die Zitadelle führt.”

“Legt nahe? Das ist alles was ihr habt? Na toll. Wir sind tot!”

“Habt ein wenig Vertrauen Glückskind. In euch und den alten Oine.”

Sie atmete tief ein und aus und blickte ihm dann in die alten Augen, die ein feines Lächeln umspielte.

“Nagut. Was schlagt ihr also vor?”

“Wie wäre es, wenn ihr euer Glück einsetzt?”

Eola seuftzte.

“Wie oft muss ich euch noch erklären, so einfach ist das nicht. Falls das Heiligtum überhaupt hier ist.”

“Es gereicht euch immer zum Vorteil. Das waren eure eigenen Worte Eola. Und wir könnten einen Ausweg wie das Heiligtum gerade sehr gut gebrauchen.”

“Mein Glück sorgt nicht dafür, das plötzliche Dinge erscheinen, die vorher…”

Sie stutzte und hielt mitten im Satz inne.

Hatte der Mann mit der silbernen Mähne ihr gerade zugezwinkert?

Das Bild lag hinter dem Altar und zeigte ein Wesen mit spitzen Ohren und Fell an den Schultern, das einer Mähne glich. Langsam ging sie auf den Altar zu und betrachtete das Bildnis.

“Tabitur der Graue”, erläuterte Oine ohne das es notwendig gewesen wäre. Yareh hatte viel über den Silberfuchs erzählt nachdem Oine sich offensichtlich benannte hatte. Oder war er die Vorlage für den Gott der Hexenmeister gewesen? Wer mochte das schon sagen, bei all der Zeit, die er schon lebte.

“Euer Namensvetter…”

“Genau genommen...”

“Haben sie ihn nach euch benannt?

“Richtig.”

“Es ist kein Zufall, dass er direkt hinter dem Altar steht.”

“Nein, aber ich wollte nie, dass man mich anbetet oder sogar auf derlei seltsame Art und Weise abbildet.”

“Oh, das tut mir aber leid”, verspottete Eola ihn.

Dann trat sie mit dem Fuß auf eine Vertiefung im Stein und sah darauf hinab. Direkt unter ihr im Mosaik auf dem Boden stand ein Hexenmeister in langer Kutte und hatte die Hand erhoben. Dort wo ein feiner Lichtschein seine Finger umspielte, wie er auch zwischen Oines Händen gebrannt hatte, als er das Portal zertrümmert hatte, war die Bodenplatte locker und senkte sich leicht hinab, als Eola ihr Gewicht verlagerte. Es klickte leise, mehr geschah jedoch nicht.

“Ihr habt etwas entdeckt?” 

Eola nickte.

“Irgendein Mechanismus, aber er scheint kaputt zu sein.”

Oine trat näher und betrachtete die Steinplatte.

“Ich glaube kaum. Lasst mich mal sehen. Vielleicht…”

Damit beugte er sich hinab und begann mit leichten Bewegung der Finger zu murmeln. Eola überließ ihn seinem Handwerk und lief weiter auf den Altar zu. 

Die Bronze war angelaufen, zeigte jedoch noch einige verwaschene Bilder, die Eoa an die Geschichten ihrer Großmutter erinnerte. Dort stand von den sieben Helden der Hex et Mâiret geschrieben und eine Reihe Bilder zeigen einige ihrer Abenteuer. Eine Abbildung zog sofort ihrem Blick auf sich. Es war das Relief eines Drachen mit einer kleinen Gestalt auf dem Rücken. Sie fuhr mit dem Finger darüber und spürte, wie sich das Metall ebenfalls bewegte. Sie drückte auf die Bronze und tatsächlich versank die Abbildungen ganz leicht im Metal. Es Klickte erneut, nicht so laut wie bei der Bodenplatte, doch was auch immer sie getan hatte, schien ebenfalls einen Mechanismus auszulösen, der sich noch nicht im Ganzen offenbarte. Sie musste Lächeln. Oine hatte Recht. Ihr Glück führte sie, Zufälle zu Zufällen und vielleicht sogar zu einem positiven Ergebnis.

In der Zitadelle schien es tatsächlich etwas zu geben, das sich dem bloßen Auge entzogen. Auf ihrem Weg hinter den Altar ließ sie sich von ihrem Instinkt leiten. Sie legte die Fingerspitzen sanft gegen die Wandbilder und fuhr mit den Kuppen leicht über die staubige Oberfläche. Erst geschah gar nichts doch sie konzentrierte sich auf jede kleine Unebenheiten im Stein unter ihren Fingern. Sie war so auf das Gefühl fokussiert, dass sie die Stufe zum Altar glatt übersah. Eola stolperte und hielt sich reflexartig an der Bronze fest. Ein Teil des Metalls gab nach, klappte herunter und es klickte zum dritten Mal. Dann rumpelte es unter ihren Füßen und der Altar begann sich zu drehen. Es knirschte und knackte, der Mechanismus war genauso alt wie die Zitadelle selbst und Staub stieg in Wolken zur Decke. Doch das war es auch schon. Sie sah mit fragendem Blick zu Oine, doch dieser sah bloß lächelnd zu ihr hinüber. Er hatte es aufgegeben, die lose Bodenplatte zu untersuchen.

“Hier ist keinerlei Magie im Spiel”, erklärte er dann.

“Vermutlich hat der Kaiser das Heiligtum deshalb nie gefunden. Ein mehrteiliger Mechanismus, der aus einer Reihe scheinbar zufälliger angeordneter Schalter und Hebel besteht. Fast so, als sei er dafür gemacht worden, nur mit deiner Gabe aktivierbar zu sein. Die Hexenmeister haben keine Anleitung hinterlassen, sonst hätte ich sie bereits gefunden, oder der Kaiser.”

“Nur mit meiner Gabe? Meint ihr das ernst?”

Sie wandte sich wieder dem Silberfuchs zu, vor dem sie jetzt zum Stehen gekommen war und sah zu dem Auge hinauf, das ihr zu geblinzelt hatte.

“Vielleicht wollten sie auch einfach nicht, dass ihr Heiligtum je gefunden wird. Es würde zu dem passen, was ich über die Hex et Mâitre weiß.”

Eola sah zu dem Auge hinauf und erkannte, warum es ihr so vorgekommen war, als hätte ihr das Wandbild zu geblinzelt. Die Pupille des Tierwesen, war eigentlich ein Loch durch das ein sachten Lichtschein in die Zitadelle fiel. Sie folgte dem Strahl mit den Augen und erkannte, dass er jetzt genau auf den Altar traf, der ihn wiederum nach oben in dem Turm reflektierte.

“Da!”

Sie deutete auf die Stelle im Turm, die im Schatten verborgen lag.

“Ich glaube, wir müssen da hinauf.”

Oine trat zu ihr an den Altar und folgte ihrem ausgestreckten Finger mit dem Augen.

“Interessant… höchst interessant”, murmelte er.

“Kannst du uns da hoch bringen?”

Oine sah sie an und schüttelte den Kopf.

“Ich könnte es vermutlich, aber nicht mit euch zusammen. Es muss einen anderen Weg geben, der keine Magie benötigt. 

Das Versteck muss auch nicht-magischen Wesen zugänglich sein, sonst hätten sie es mit Magie versteckt. Nach allem, was wir gerade gesehen haben, handelt es sich hier um rein klassische Baukunst. Geniale Architektur und vermutlich eine Art praktische Illusion.”

Eola seufzte gequält.

“Langsam wird das ganze lächerlich, wie lange soll ich hier noch planlos herumlaufen? Langsam gehen mir die Ideen aus.”

Oine nickte.

“Lass mich überlegen. Du bist definitiv in der Lage deine Gabe zu steuern. Wir müssen nur herausfinden wie. Fällt dir etwas ein, auf das nur du kommen würdest? Etwas wie das mit dem Essen bestellen, das du in der Bar gemacht hat?”

Eola zuckte mit den Schultern.

“Nicht wirklich, nur dass ich Hunger habe. Wir hätten etwas frühstücken sollen, bevor wir aufgebrochen sind.”

Oine stieß ein leises Lachen aus und nickte. Dann wandte er sich dem Portal zu.

Auch Eola stutzte. Die Versuche der Soldaten ins Innere der Zitadelle zu kommen mussten erfolglos gewesen sein, denn von außen war nichts mehr zu vernehmen.

“Sie haben aufgegeben?”

Oine schüttelte den Kopf.

“Wenn du den Kaiser kennen würdest, wüsstest du, dass er nicht so schnell aufgibt. Sonst wäre er nicht bereits so lange Kaiser der Nebelreiche.”

“Das habe ich auch nicht erwartet, aber was…”

In dieser Sekunde begannen die Haare in ihrem Nacken sich aufzustellen. Das Kribbeln, ihr vom Glück ausgelöstes Warnsignal war überdeutlich. Und dann begann der Stein vor der Tür an Risse zu bilden. Oine wurde blass und schob Eola hinter sich.

“Wir haben keine Zeit mehr. Vermutlich hat mein alter Freund eingesehen, das er seine Magie bemühen muss.”

Er griff nach Eolas Hand und sah in den dunklen Turm hinauf.

“Festhalten!”

“Ihr habt gesagt, ihr könntet nicht…”

“Ja, die Umstände haben sich gerade geändert. Uns bleibt keine andere Wahl mehr.”

Oine murmelte Worte in einer fremden Sprache und bewegte die Hand in flachen Kreisen über den Boden. Dabei begann die Luft sich in zirkulierenden Wirbeln aus Staub zu bewegen.

“Schließt die Augen und versucht euch nicht zu übergeben.”

“Wa…”, weiter kam sie nicht, denn der Strudel aus Wind nahm zu und erfasste den Magier und sie. Eola begann, sich um die eigene Achse zu drehen und gleichzeitig aufzusteigen. Sie stieß einen erschreckten Schrei aus, der sofort von Galle erstickt wurde, die ihr der Kehle empor stieg. Schnell kniff sie die Augen zu und schlug die Hand vor den Mund. Eola schluckte Magensäfte, dann landete sie hart auf kaltem Stein. Bei ihrer Landung schürfte sie sich Hände und Knie auf, ihr ganzer Körper zitterte und dann übergab sie sich auf den weißen Stein.

“Tut mir leid. Es ist keine angenehme Art zu fliegen, aber alles andere hätte mich zu viel Kraft gekostet.” 

Eola zog sich am Geländer der Balustraden hoch, auf der sie gelandet waren, und wischte sich die Lippe am Ärmel sauber.

“Es geht schon.”

Dann krümmte sie sich unter einem weiteren Magenkrampf, konnte jedoch gerade so verhindern, dass sie sich erneut übergab.

Der Magier zog sie vom Geländer fort und zischte: “Runter!”

Dann explodierte die Statue vor dem Eingang der Zitadelle in völliger Stille. Erst als die Trümmer gegen Wände, Säulen und Decken krachten, donnerte es, als sei ein Blitz eingeschlagen. Die Balustraden bebte und ein Teil der Decke stürzte ein, als Trümmer zu Boden regneten.

Eola fluchte.

Der Lichtstrahl der vom Altar ausging, war blockiert und sogleich strömten Soldaten in dunklen Rüstungen in die Zitadelle. 

Und dann trat der Kaiser ein. Nebel folgte seinem Schritt und er wandte den Kopf direkt in ihre Richtung. Goldene Augen durchbohrten Eola.

“Sein Nebel blockiert Magie, das sollte auch an deinem Glück nicht unbemerkt vorbeigehen."

Eola nickte.

“Das Kribbeln ist weg.”

Und jetzt bekam sie es wirklich mit der Angst zu tun. Sie begann zu zittern und Schweiß lief ihr eiskalt den Rücken hinab.

“Ruhig Eola. Ich werde ihm geben, nach was er sucht. Aber du musst in der Zwischenzeit das Heiligtum finden.”

Sie drehte sich zu dem Magier um und starrte ihn ungläubig an.

“Wie zur Hölle soll ich das anstellen ohne mein Glück?”

Oine lächelte sanft und legte ihr die Hand auf die Schulter.

“Ich glaube an dich, Kleine. Auch ohne dein Glück. Du hast immer noch deinen Verstand und alles, was deine Großmutter dir erzählt hat. Nutze es!”

Damit richtete er sich auf und schwang sich in einer fließenden Bewegungen über das Geländer der Balustraden. Eola sah ihm nach und fragte sich wie er es anstellte so elegant zu Boden zu schweben. Doch schließlich war er immer noch Oine, der Gesandte des vergessenen Kontinents und der älteste Magier der Welt. Selbst dem Kaiser des Nebelreiches schien es nicht zu gelingen  seine Magie ganz zu binden. Und trotzdem hob Oine beschwichtigend die Arme.

“Alter Freund”, begrüßte er den Kaiser, der sich langsam zu ihm unwandte.


Sonntag, 12. Januar 2025

Das Glückskind; Kapitel 2


Oine Peregrim der Silberfuchs.


Die Zimmer des Magiers war nicht das, was Eola erwartet hatte, als sie die Herberge von außen betrachtet hatte. Sie passten einfach nicht zum Grundriss des Gebäudes. Es musste einfach Magie im Spiel sein.

Die Räumlichkeiten lagen im Erdgeschoss und sie vermutete, dass sie extra für die wohlhabenden Gäste frei und vor allem sauber gehalten wurde. Es gab einen großen Kamin an der Nordseite des Raumes, gegenüber des großen Fensters, das den sanften Schein der Laternen vor dem Gasthaus einließ. Das gelbe Licht wurde jetzt durch die dunklen Gardinen gefiltert, die der Magier vor zog, bevor er es sich in einem der Sessel gemütlich machte. So wurde das ganze Zimmer in ein schwaches Rot getaucht.

Es gab drei hohen Ohrensesseln, mit Kissen und Decken ausgestattet, dazu einen kleinen runden Tisch aus Eibe und einen hohen Schrank, der einem Bücherregal glich, jedoch in die Wand eingelassen war und mit zwei Vorhängen versehen, vermutlich damit sich kein Staub auf die wertvollen Schriften legte.

“Ihr hattet behaupten, ihr seid nur auf der Durchreise?”

Der Magie sah von seinem Notizbuch auf, in dem er wieder zu kritzeln begonnen hatte.

“Man hält mir diese bescheidene Stube warm. Ich bin oft auf der Durchreise. Außerdem wird sie auch meinen Kollegen zuTeil wenn sie…”

Er beendete den Satz nicht, runzelte kurz die Stirn und schlug dann das Notizbuch zu.

“Habt ihr wieder Magie gewirkt?”

Sie stutzte ebenfalls.

“Nicht das ich wüsste. Kribbelt es euch wieder in den Finger mir dergleichen zu unterstellen.”

Der Magier schmunzelte.

“Darauf würde ich nie kommen.”

Dann wurde er wieder ernst.

“Ihr könnt es nicht kontrollieren, Kind?

Wisst ihr nicht, wie gefährlich das ist?”

Sie zuckte mit den Schultern und ließ sich ihm gegenüber in einen der Sessel sinken.

“Mein Glück bedarf keiner Anleitung. Es waltet stets in meinem Interesse.”

“Ach?”, dabei wanderte wieder eine seiner buschigen Augenbrauen hinauf.

“Ein Glückskind also? Ich habe die Mythen um den roten Stern stets für Ammenmärchen gehalten. Man lernt wohl nie aus.

“Wenn es ein Mythos wäre, wie hätte ich dann das falsche Spiel gewinnen können?”

“Mit Tricks und Schauspielerei.”

Eola schnaubte verächtlich und schlug wie der Magier die Beine übereinander.

“Mögt ihr mir verraten, wie ihr heißt, woher ihr kommt?”, fragte er dann.

“Solltet ihr einer Dame nicht vorher den Hof machen?”

“Man nennt mich Peregrim den Silberfuchs, aber ihr könnt mich bei meinem Vornamen nennen, werte Dame. Oine.”

“Oine Peregrim? Was ein eigenartiger Name. Ist es bei den Nebligen Brauch sich nach den Gesandten zu benennen?”

Der Magier setzte eine erstaunte Miene auf. 

“Ihr wisst vom Gesandten Oine?”

Sie nickte und nahm eins der Bücher vom Eibeholztischchen, das neben einer Schale mit getrockneten Kräutern und ein paar Kerzen lag. Es trug den Titel: 

“Die Zitadelle der Hexenmeister” und der Autor war Ahn Leipard, von dem sie noch nie etwas gehört hatte.

“Meine Großmutter erzählte oft Geschichten von den siebzehn Abgesandten des vergessenen Kontinents. Sie hat erzählt, dass die Drachen einst von dort kamen, bevor sie wieder im Nebel verschwanden.”

“Und der rote Stern soll uns den Weg weisen ins verheißene Land. So steht es geschrieben im Buch der Hex at Meiret.”

Eola nickte.

“Nur dass der rote Stern in Wirklichkeit ein Drache ist, der größte von allen, der einmal in zehn Jahrhunderten die Welt besucht auf seiner ewigen Reise durchs Meer jenseits der Zeit.”

“Euro Großmutter kannte die Schriften der Hexenmeister?”

Sie schüttelte den Kopf.

“Ihre Geschichten kamen von der Silbersee, dort erzählt man noch oft vom roten Stern. Zumindest hat man das, bevor sie starb und ich fortging.”

Der Magier nickte und beließ es dabei. Er schien zu spüren, dass sie lieber nicht darüber sprechen wollte, was ihrer Großmutter zugestoßen war. Es gab kein Heilmittel für den Tod, dazu war selbst ihr Glück nicht im Stande und dieser Umstand wurmte sie.

“Nun, habe ich mir die Ehre verdient, euren Namen zu erfahren?”, fragte er.

“Eola”, sagte sie und legte das Buch zurück auf den Tisch.

“Eola von der Silbersee. Was verschlägt euch ins Reich des Nebels?”

Sie zuckte mit den Schultern und stand auf.

“Gibt es hier auch so etwas wie ein Bett?”


Als sie schließlich auf der dünnen Matte lag, die Oine ihr neben dem Bett hergerichtet hatte, kreisten ihre Gedanken um ihre Großmutter Yahre, eine Piratin der Silbersee und ihren alles andere als gewöhnlichen Tod, um den Magier und seinen eigenartigen Namen, der dem  Feind des Nebelkaisers gehörte und um Drachen. 

Die Sehnsucht spülte wie Wellen an den Strand ihres Bewusstseins. Im Rauschen ferner Ufer hörte sie erneut die Stimme ihrer Großmutter:

“Dein Glück ist nur geliehen, meine Kleine. Es wird der Tag kommen an dem dir klar wird, dass es nicht ausreicht um glücklich zu sein.”

Dieser Tag war gekommen, an dem Yahre gestorben war. Sie hatte sich verirrt. Die Wunder vergessen, die sie ihr gezeigt hatte und es war so einfach gewesen, sich bloß treiben zu lassen.

Kopfschmerzen treiben sie zurück an die Oberfläche. Sie hatte das Gefühl grad erst eingeschlafen zu sein. War das nur der Einfluss des Alkohols?

Dabei hatte sie kaum etwas getrunken. Doch vor dieser einen Dummheit bewahrte sie ihr Glück selten, dem Trinken und dem daraus resultierenden Kater. Vielleicht sah es darin keine allzu große Gefahr. Und vermutlich hatte es sein Bestes versucht, indem es ihr den Magier geschickt hatte, der zeitig ins Bett gegangen war. Draußen war es noch dunkel und sie wollte sich einfach nur umdrehen und weiterschlafen, doch etwas kratzte am hintersten Teil ihres Bewusstseins. Eine Ahnung, die sie lieber nicht ignorierte. Also zwang sie sich, ihren Körper vom Lager zu hieven und trat an das große Fenster. Eola zog zaghaft einen der Vorhänge beiseite und blickte nach draußen. Ihre Augen brauchten einen Moment, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und schließlich starrte sie gedankenverloren auf die leere Straße. Dort draußen war nichts, doch das unangenehme Gefühl blieb. Eine Vorahnung, die ihr ganz klar sagte: Etwas stimmte nicht. Nervös kaute sie auf einem ihrer Fingernägel, dann zog sie die Vorhänge wieder zu. Eola wandte sich vom Fenster ab und sah sich im Zimmer um. Das Schlafgemach war fast genauso groß wie das geräumige Wohnzimmer, in dem sie noch am Abend zuvor mit Oine gesprochen hatte. Ihr ging es immer noch nicht aus dem Kopf, dass er einen Namen trug, den sein Kaiser einst aus den Geschichtsbüchern getilgt hatte. Vielleicht lag die Gefahr gar nicht außerhalb des Zimmers, sondern war ihr bereits zu nahe gekommen. Aber nur weil er den Namen eines Verräters trug, hieß das noch nicht, dass er ihr Böses wollte. Vielmehr hatte sie das Gefühl, dass er ihr zugetan war. Sonst hätte er sie wohl kaum bei sich schlafen lassen. Und selbst die Nacht über hatte er nicht versucht, ihr Schaden zuzufügen, auch wenn die Gelegenheit wohl nicht günstiger hätte sein können. Nein, der Magier stellte keine Gefahr dar.

Aber was war es dann? Im Schlafzimmer gab es nur eine kleine Kommode neben dem Bett und eine kleine Sitzecke mit weiteren Sesseln und einem Tisch aus dunkler Eiche. Ein Holz, das in diesen Breiten nur selten zu finden war. Die hiesigen Fluss Hölzer wie Ulme und Esche waren deutlich häufiger und das Möbelstück musste ein kleines Vermögen gekostet haben. Darauf lag das Notizbuch des Magiers und neugierig geworden, nahm sie es in die Hand. Der Einband war aus weichem Leder und das Papier beinah so glatt wie ihre Haut. Auch das Buch muss mehr als nur ein paar Goldstücke wert sein.

Bevor sie es jedoch aufschlug und darin las, sah sie sich noch einmal zum Bett um, in dem immer noch der Magier schlief und schlich sich schließlich hinaus, um ihn nicht zu wecken.

Sie entzündete den kleinen Kerzenstumpf auf dem Tisch und setzte sich in den Ohrensessel, in dem am Abend zuvor noch Oine gesessen hatte.

Dann las sie denselben Eintrag, den er in diesem verfasst haben musste.


“Heute, wie vor drei Jahren, bin ich vor ein Wunder geraten. Sie sind selten geworden, hier und heute. Doch es gibt sie immer noch. Ich habe jene Geschichten stets für Märchen gehalten, die von Drachen erzählen.

Und das sind sie auch immer noch. 

Kein Text, der mir während meines langen Studiums der Magie unterkam, erwähnte je die wenigen Kinder, die dem Glück hold sind, die es wie Schwert und Schild zu führen in der Lage sind. Und doch gibt es sie wirklich. Ich bin heute Zeuge geworden.”


Sie blätterte eine Seite zurück. Dass der Magier sie getroffen hatte, war auch schon alles, was dort geschrieben stand. Der Eintrag, den er am Tresen der Bar verfasst haben musste, war hingegen schon etwas interessanter.


“Der Besuch des Kontaktes blieb aus, etwas, das mich mit Unwohlsein erfüllt. Es passt nicht zu den Gesandten, dass sie sich verspäten und erst recht nicht ein Treffen zu versäumen.”


Ein Treffen mit einem Gesandten, deshalb hatte Oine sich in der Kneipe eingefunden. Konnte es sein? Aber nein, der Oine von dem ihre Großmutter erzählt hatte, war hingerichtet worden. Außerdem müsste er mittlerweile mehrere hundert Jahre alt sein. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie noch über den Gesandten namens Oine wusste, der einst über das Silbermeer ins Reich des Nebels kam.

“Und er ward gesandte über die unendliche See zu fernen Ufern, sein Glauben zu verbreiten, doch traf nur auf Unverständnis. Nebel umwehte den Geist der Unglaubigen und ihr Kaiser ward ihm bewusst…”, hörte sie Yareh’s Stimme in ihrem Kopf. Aber wie ging es noch gleich weiter? 

Ach ja: “Und er lud Oine in sein Heim und er hörchte geduldig auf seine Worte, bis er alles gehört hatte. Und der Gesandte erfreute sich des Kaisers Wohl und seinem guten Willen und die beiden wurden beste Freunde. Bis seine Meister erneut nach ihm riefen und der Kaiser ließ den Freund nicht gehen, dem Geheiß folgen, wollte er seine Geheimnisse doch nur für sich selbst. Denn so liegt es in der Natur des Menschen Eola.”

Und was ist dann passiert?”, hatte Eola gefragt. Und ihre Großmutter hatte erwidert:

“Das mein Kind, weiß keiner so genau, aber ich will dir sagen, was ich glaube, denn war es doch der, den Oine lobpreisen wollte.”

“Den Glaube an den großen Geist?”

Und ihre Großmutter hatte gelächelt und genickt. 

“Richtig. Er wollte uns warnen, vor dem was einst kommen wird. Deshalb wardt er gesandt.”

“Vor dem Geist, der die Welt verschlingen wird?”

“Du weißt es doch schon!”

Eola hatte gekichert und genickt, sowie sie jetzt auch kicherte, als sie daran dachte.

“Aber ich will es noch einmal hören.”

“Also gut.”, hatte ihre Großmutter geseufzt.

“Der Kaiser wusste der Macht, die jene fremden Herren beherrschten, die Oine einst sandten. Also sperrte er ihn ein, seinen eigenen Freund, auf das ihre Magie ihn nicht erreichte, und er nannte ihn Verräter und als er all seines Wissen habhaft geworden war, ließ er ihn als solchen ermorden.”

Es war keine besonders schöne Geschichte gewesen, das wusste sie und trotzdem hatte sie stets fasziniert gelauscht und dann:

“Nochmal!”

Eola blätterte weiter nach Vorne und der nächste Eintrag räumte für sie jeden Zweifel beiseite.


“Im Reich des Nebels gehen Gerüchte um. Geschichten über Magie, die sich dem Nexus entzieht, den unser Kaiser schuf, um all unser Können zu binden. Magie, die nicht zu erlernen ist, wie ich stets vermutet habe, dass sie existiere. Mein alter Freund ist nachlässig geworden. Sein Untergang steht seit Jahren in den Sternen geschrieben, doch sie zu lesen ist keiner mehr in der Lage, selbst ich nicht. Habe ich doch längst sämtliche Gaben verloren, die mich einst ans Ufer spülten.”


Eola blätterte weiter zurück, doch die folgenden Einträge waren Fachsprache und schienen ohnehin nicht besonders wichtig. Doch je weiter sie zurückblätterte, umso verschwommener wurden die Zeichen und tanzten ihr vor den Augen, als wollten sie sich ihrem Blick entziehen. Und dann wehte plötzlich ein eisiger Wind durchs Zimmer, ließ die Vorhänge zittern und Eola frösteln. Die Seite flatterten im leichten Hauch, der vom Schlafzimmer her wehte.

Eola sah auf und erblickte den Magier, der im dunklen Durchgang stand und sie anfunkelte. Sein Gesicht zitterte vor Wut und all ihre Alarmglocken schrillten.

“Mädchen!”, donnerte er, sodass sie beinahe vom Stuhl fiel.

“Hat man dir nie beigebracht…”

Sein Schatten tanzte über die Wände, der Boden bebte und sie erstarrte im Sessel zur Salzsäule.

“Entschuldigung”, murmelte sie und langsam legte der Wind sich, die Miene des Magiers der sich Oine nannte wurde wieder etwas sanfter und er schrumpfte zu normaler Größe zusammen, schien sogar noch kleiner zu werden, bis ihm die Schultern herab hingen, als hätte er sich stark verausgabt.

“Hat man dir nicht beigebracht, dass es sich nicht ziemt, in fremder Leute Angelegenheit zu schnüffeln?”

Dabei kam er langsam auf sie zu und streckte die Hand aus.

Eola gab ihm das Notizbuch und Oine ließ sich Ihr gegenüber in einen Sessel sinken. Er war noch blasser als sonst und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er trug nur ein leichtes Nachthemd das sich im legenden Wind leicht bauschte.

“Tut mir leid, vermutlich nicht. Meine Großmutter war Piratin.”

Dabei lächelte sie schief und auch der Magier zuckte leicht mit den Mundwinkeln.

“Ah, ich verstehe. Die freien Frauen der Silbersee. Ich habe viel von ihnen gehört.”

“Während eurer Reise über das unendliche Meer?”

Oine zog eine Augenbrauen hinauf und sah sie tadelnd an.

“Also habt ihr sogar darin gelesen, natürlich.” 

Er seufzte und wischte sich die Stirn mit dem Zipfel seines Nachthemdes.

“Nein, das ist bereits lange her und ich erinnere mich kaum noch an diese Zeit.”

Sie wurde ganz aufgeregt und rutschte unruhig auf ihrem Sessel hin und her.

“Also seid ihr es wirklich? Der Oine? Der Verräter?”

Bei diesem letzten Wort, trat ein schmerzhafter Ausdruck auf das Gesicht des Magiers.

“Ich bin es wirklich und auch wieder nicht. Der Oine von dem man erzählt starb im Kerker der Nebelfeste, so wie man es erzählt. Der Mann der fliehen konnte, war ein neuer Mensch, er ließ all diesen Schmerz hinter sich und kehrte nie nach Hause zurück. Aber auch dieser Mann bin ich nicht mehr…”

Eine Pause stellte sich ein und Eola wollte den Magier nicht aus den Gedanken reißen, in die ihre forschen Fragen ihn katapultiert zu haben schienen.

Dann hielt sie es jedoch nicht länger aus:

“Wie könnt ihr der Oine sein? Ihr müsst über dreihundert Jahre alt sein?”

Der Magier nickte abwesend.

“Wie auch der Kaiser selbst.”

“Eure Erinnerung schwinden, richtig? Verschwimmen deshalb die Zeilen in eurem Notizbuch?”

Oine seufzte und sah sie streng an.

“Jetzt hört mal Kleine, ich bin keine Jahrmarktsattraktion. Ich werde alle eure Fragen besten Wissens beantworten, aber ich werde es nicht umsonst tun.”

Eola nickte.

“Was wollte ihr?”

“Eine Antwort für jede Frage.”

Eola kicherte über seine seltsame Ausdrucksweise und nickte dann noch einmal.

“Warum seid ihr eigentlich schon so früh wach?”

Eola schlug sich die Hand vor die Stirn und sprang auf. Das hätte sie völlig vergessen, abgelenkt durch ihre Entdeckung, um wen es sich bei Oine handelte.

Dann runzelte sie jedoch die Stirne und setzte sich wieder hin. Seltsam, das eigenartige Gefühl war wieder verflogen.

“Es war… wie habt ihr es beschrieben? Ein Kribbeln in den Fingern?”

“Ihr habt Magie gespürt?”, fragte der Magier.

Eola schüttelte den Kopf.

“Nicht direkt. Es ist eher wie ein Jucken im Kopf, als würde mir etwas über den Nacken direkt ins Gehirn krabbeln. Eine Vorahnung, eine Warnung, wenn ihr so wollt.”

Oine hörte interessiert zu und legte leicht den Kopf schief.

“Interessant. Als würde eure Gabe euch vor Gefahren warnen?”

“Richtig. Aber das waren zwei Antworten. Ich bin an der Reihe.” 

Der Magier schüttelte lächelnd den Kopf.

“Meinetwegen. Dann fragt Mal drauf los, unverschämtes Fräulein.”

“Ihr seid der berühmteste Verräter des Reiches, wie kann es sein, dass ihr für die Armee des Kaisers arbeitet?”

Oine schmunzelte.

“Das habe ich nie behauptet, ihr seid davon ausgegangen, da ich ein Magier bin und es ist auch naheliegend, aber ich stehe in keinerlei Verbindung zum Heer.”

Eola lehnte sich zurück und rümpfte die Nase. Das hätte sie sich auch denken können. Sie war tatsächlich von Dingen ausgegangen, die sich der Logik entzogen. Warum sollte der legendäre Verräter auch für den arbeiten, der ihn einst zum Tode verurteilt wurde.

“Ich bin am Zug. Sagt mir Eola, warum seid ihr nach Madiskat gekommen?”

Eola lächelte.

“Das ist einfach. Ich wollte die Zitadelle sehen. Die Geschichten werden ihr nicht gerecht.”

“Das ist alles? Ihr seid nur eine Schaulustige?”

Sie nickte.

Es gab noch einen anderen Grund, aber der hatte nichts damit zu tun, warum sie nach Madiskat gekommen war, sondern eher, warum sie nicht hatte bleiben können in der kleinen Küstenstadt, in der sie aufgewachsen war.

“Wie konntet ihr dem Kaiser entkommen? Man hat eure Hinrichtung mit angesehen. Zumindest erzählen das die Geschichten.”

Oine nickte.

“Es war eine Farce, ein Schauspiel, um zu vertuschen, was wirklich geschehen war.”

“Warum? Was war es das ihr dem Kaiser gesagt habt, dass ihm solche Angst gemacht hat?”

“Dafür daß ihr stets vom eurem Glück beschützt werdet, wisst ihr ziemlich viel über Angst.”

Eola nickte.

“Aber zuerst ist es an mir, euch eine Frage zu stellen. Und vielleicht überlegt ihr in der Zwischenzeit, ob das wirklich die Frage ist, die ihr stellen wollt.”

Also überlegte Eola und der Magier stellte seine nächste Frage. Und die hatte es in sich.

“Habt ihr euer Glück je benutzt um jemand anderem zu helfen?”

Die Frage traf Eola ins Mark. 

“Ich habe versucht sie zu retten… meine Großmutter Yahre.  Es hat nicht funktioniert. Aber so ist es nun mal mit meinem Glück. Ich kann es nicht kontrollieren.”

Oine legte nachdenklich einen Finger an die Lippen.

“Ihr habt das Essen bestellt, als ihr festgestellt habt, dass ihr den Holzfäller mit einfachem Glücksspiel nicht am Tisch halten konntet. Ihr habt das gelenkt was ihr Glück nennt, ermangel eines besseren Wortes. Ich glaube ihr seid sehr wohl dazu in der Lage es zu steuern.” 

Darüber musste sie hingegen wieder etwas länger nachdenken und plötzlich war ihr jede Frage entfallen, die sie dem Gesandten hatte stellen wollen.

Eine Pause stellte sich ein und schließlich erhob sich der Magier. Eola wollte protestierte, doch er hob bloß langsam die Hand um ihr Einhalt zu gebieten.

“Ich habe euch eine Menge zum nachdenken gegeben, genau wie ihr mir. Wenn ich eins in meinem langen Leben gelernt habe, ist es, die Dinge nicht zu überstürzen.”

Eola rümpfte die Nase, beschwerte sich jedoch nicht. 

“Ihr seid hier um die Zitadelle zu sehen, richtig? Ich muss ebenfalls dort hin. Begleitet mich doch.”

Eola stand ebenfalls auf und begann zu strahlen.

“Gerne.”